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Messbuch

Das Messbuch der heiligen Kirche und seine Vorläufer – Notizen zum 175. Geburtstag von Pater Anselm Schott OSB

Der 5. September 2018 ist der 175. Geburtstag von Friedrich August Schott (1843-1896). Bekannt wurde er als Pater Anselm Schott, Benediktiner der Abtei Beuron und als Begründer des später nach ihm kurz Schott genannten Messbuchs.[1]

Bild: Wikipedia

Von Christoph Matthias Hagen

Ohne dass dieser Jahrestag dazu den bewussten Anstoß oder Anlass gegeben hätte, ist es dennoch passend, dass der Sarto-Verlag/Bobingen für 2018 eine erweiterte Neuausgabe des Vollständigen Römischen Messbuches lateinisch und deutsch auf dem Stand von 1962 ankündigt, die als Lizenzausgabe des Herder-Verlages/Freiburg im Breisgau erscheint.

Sowohl dieses Jubiläum als auch die Neuausgabe des berühmten deutschen Laienmessbuches laden dazu ein, sich von neuem näher damit zu beschäftigen. Dabei soll die Eigenart des Schott-Messbuches im Unterschied zu Vorläufern ebenso im Vordergrund stehen wie die ursprüngliche Übersetzung des Canon Missae (und auch des sonstigen Messordo, die wir allerdings nicht betrachten werden), die Schott in der ersten Auflage von 1884 vorgelegt hat. Dabei wird die Übersetzung Moufang in Augenschein genommen, die Christoph Moufang (1817-1890) für sein eigenes Messbuch erarbeitet hat, das unter dem Titel Officium Divinum von 1851 bis 1912 in insgesamt zwanzig Auflagen erschien. Der langjährige Mainzer Seminarregens Moufang ist bekannter für sein politisches Engagement in der Sozialen Frage oder als Mitbegründer der Deutschen Katholikentage. Nach dem Tode des Mainzer Bischofs Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811-1877) wurde er vom Domkapitel zu dessen Nachfolger gewählt. Die Regierung des Großherzogtums Hessen bestätigte jedoch die Wahl Moufangs nicht, so dass dieser nie zum Bischof konsekriert wurde, sondern dem Bistum während einer ausgedehnten Sedisvakanz ab 1877 als Administrator vorstand, die erst mit der Wahl und Weihe Paul Leopold Haffners (1829-1899) zum Bischof von Mainz 1886 beendet wurde.[2]

Die benediktinische monastisch-liturgische Erneuerung im Frankreich und Belgien des 19. Jahrhunderts

Dom Prosper Guéranger OSB (1805-1875)[3], der Gründerabt von Solesmes, hatte sich publizistisch als der große Erklärer der römischen Liturgie und ihres Kirchenjahres hervorgetan. Beuron stand mit Solesmes in regem geistigen Austausch. Diese Wechselbeziehung der liturgisch-monastischen Erneuerungsbewegung war bezeichnend für Schotts Messbuch, denn schon in dem Schreiben, mit dem er das bereits fertiggestellte Manuskript von Prag aus dem Verlag Herder am 28. Juni 1883 anbot, verwies er darauf, in Einleitungen zum Kirchenjahr und Erläuterungen zur Liturgie dem Vorbild und Zugang Guérangers sich anschließen zu wollen. Dass überhaupt solch liturgiekatechetische Erklärungen vorgesehen waren, war die entscheidende Neuheit an Schotts Buchprojekt. Seine Vorläufer begnügten sich damit, kommentarlos die nackte Übersetzung abzudrucken.

Seine Erläuterungen zu Text und Riten der Liturgie und ihrer Stellung im charakteristischen Zyklus des kirchlichen Jahreslaufs sind daher ohne Zweifel der entscheidende Pluspunkt, der dem Laienmessbuch des Pater Anselm zum durchschlagenden Erfolg verholfen hat und ihm im deutschen Sprachraum zunächst ein völlig neuartiges Alleinstellungsmerkmal sicherte. Dass methodisch frankophoner Einfluss dafür bestimmend wurde, mag auch mit der Tochtergründung in Maredsous in Belgien zusammenhängen, wo Schott das Missel des Fidélesvon 1882 in französischer Sprache kennengelernt hatte, zu dem das Schott-Messbuch sich wie ein deutschsprachiges Pendant verhält. 1920 schied Maredsous aus der Beuroner Kongregation aus und wurde später und bis heute für Starkbier und Käse bekannt.

Maredsous war auch der Ort gewesen, wo Schott an der Neuausgabe des Altarmessbuches der Benediktiner mitgewirkt und eine Ausgabe der Vulgata besorgt hatte. Zwei Tätigkeiten, die ihm eine große Intimität mit der Liturgie und der biblischen wie liturgischen Latinität vermittelt hatten und somit zweifelsohne hervorragend als Liturgieübersetzer und -erklärer prädestinierten. Außerdem war er dadurch mit der Welt des Verlagswesens vertraut geworden.

Vorläufer Schotts und seines Messbuchs im deutschen Sprachraum

Obwohl er dazu also gewiss kompetent gewesen wäre, ist es indes ganz offensichtlich, dass Schott in der ersten Auflage von 1884 nicht völlig selbständig übersetzt hat, sondern von Moufang als Vorlage ausgegangen ist. Zum Vergleich hatte etwa Georg Michael Pachtler SJ (1825-1889) in seinem Messbuch für das katholische Pfarrkind(erstmals 1854, bis 1890 insgesamt vierzehn Auflagen) für Ordound Canonfast vollständig die Übersetzung übernommen, die sich im damals in ganz Deutschland verbreiteten Cöthener Gebetbuch (erstmals 1839) befand, eben wegen der breiten Bekanntheit und Akzeptanz dieser Version.

Zu Pachtlers Messbuch sei noch bemerkt, dass er anders als Moufang, der nur die Episteln und Evangelien zweisprachig abdruckt, schon lange vor Schott zahlreiche Proprien vollständig lateinisch und in deutscher Übersetzung in sein Messbuch aufnimmt.

Schott greift auf Moufangs Übersetzung im Officium divinum zurück

Schott zieht wie gesagt Moufangs Übersetzung vor. Auf weite Strecken besteht wortwörtliche Übereinstimmung, nur stellenweise und vereinzelt modifiziert Schott die deutsche Textfassung des Messkanons. Dabei handelt es sich bald um Tilgung einzelner, durch Moufang interpretierend zugesetzter Adjektive, die im Lateinischen keine Entsprechung besitzen, bald um Austausch vornehmlich opferterminologischer Begrifflichkeiten, etwa in der Wiedergabe von oblatiooder sacrificium. Vielleicht hat Schott in diesem Punkt bei Moufang eine gewisse Willkür oder unerklärliche Wechselhaftigkeit empfunden, allerdings lassen auch Schotts eigene Übersetzungsentscheidungen nicht klar eine einheitliche, theologische Systematik oder Konsequenz erkennen. Schließlich ändert Schott den Text seiner Vorlage bisweilen da ab, wo umgekehrt Moufang offenbar um jeden Preis genauestens den lateinischen Satzbau nachbilden will, Schotts Sprachempfinden demgegenüber jedoch den natürlichen Sprachfluss im Deutschen bevorzugt.

Schott gibt die Übersetzung des Canon Missae auf

Doch ab der zweiten Auflage von 1888 lässt Schott ohnehin die wörtliche Übersetzung des Messkanons fallen und ersetzt sie durch die deutsche Variante einer französischen Hochgebetsparaphrase des schon erwähnten Dom Guéranger. Das ist durchaus konsequent, denn das, was Schotts Einführungen und Erklärungen auszeichnet, übernimmt die Methode Guérangers in seinem L’Année Liturgique, das als Das Kirchenjahr erstmals 1875, dem Todesjahr des Abtes von Solesmes, in deutscher Sprache erschien. Gleichzeitig spürt man bei Schott eine gewisse Unsicherheit, ob es nicht doch gute Gründe gäbe, den Hochgebetstext weiterhin vollständig zu übersetzen, und schließlich wurde so ja auch von Johannes Baptist Devis SJ (dem Verfasser des Cöthener Gebetbuchs; die genauen Lebensdaten dieses Jesuiten konnten leider bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags nicht mit Sicherheit festgestellt werden), Pachtler und Moufang verfahren, ohne dass mangelnde kirchliche Gesinnung dieser Autoren beanstandet worden wäre.

Schott begründet nämlich ab der dritten Auflage von 1892 seinen Entschluss im Vorwort (S. IX) gerade mit dieser Kirchlichkeit: „So gerne der Bearbeiter mehrseitigen Wünschen nach wörtlicher Übersetzung des Canon willfahrt hätte, so konnte er mit Rücksicht auf die namentlich seit Papst Alexander VII. (Dekret vom 16. Januar 1661) konstant entgegenstehenden Erklärungen des Apostolischen Stuhles und auf gewichtige Gründe, welche eine liturgische Autorität wie Abt Guéranger nicht etwa als Privatansicht, sondern als kirchliche Anschauung auseinandergesetzt, sich nicht dazu entschließen. Auf den Rat einer anderen, in Deutschland angesehenen, liturgischen Autorität, wurde also die bisherige, von Dom Guéranger stammende Umschreibung beibehalten.“

In der zweiten Auflage, ab der der Kanon nur noch paraphrasiert wurde, findet sich S. 14 die Fußnote 3, welche lautet: „Die Gebete des Canon, die nur im Munde des Priesters ihre ganze und volle Bedeutung haben, geben wir nicht in wörtlicher Übersetzung, sondern die Gebetsgedanken desselben in einer, den geistlichen Bedürfnissen der Gläubigen entsprechenden Form.“ Sie erinnert an die Argumentation Pachtlers, der zwar den Kanon einschließlich der Wandlungsworte vollständig lateinisch und deutsch wiedergibt, aber erläuternd hinzufügt: „Da die Wandlungsworte nur im Munde eines rechtmäßig geweihten Priesters Kraft haben, so ist es für den Gläubigen empfehlenswerter, bei der heiligen Wandlung der Privatandacht obzuliegen.“[4]Anschließend sind bei Pachtler kurze Akte der drei göttlichen Tugenden, eine Erweckung der Reue, sowie kurze Anrufungen zur Anbetung des heiligen Leibes und des kostbaren Blutes Christi eingeschoben.

Es ist dokumentiert, dass Schott in jüngeren Jahren als Priester und Ordensmann mit Skrupeln und allgemeiner Unsicherheit zu kämpfen hatte. Seine Ausführungen zur Begründung, die wörtliche Wiedergabe des Kanons aufzugeben, zeigen ein gewisses, bleibendes Bedauern darüber und auch ein Schwanken. In den Vorläuferbüchern von Moufang und Pachtler stellt eine Übersetzung des Hochgebets noch kein Problem dar oder die kirchliche Gesinnung ihrer Verfasser in Frage. Pachtler bietet zusätzlich zu der durchgehenden Übersetzung des Kanons geeignete Anbetungsgebete an, sucht also offenbar den vermittelnden Kompromiss. Zu Schotts persönlicher Mentalität kam wohl ein nach dem Vaticanum von 1869/70 fortgeschrittener Ultramontanismus (sowohl Moufang als Pachtler erschienen zuerst gut eine Generation vor Schott und circa zwanzig Jahre vor dem I. Vatikanischen Konzil) hinzu, der von Guéranger gewissermaßen zusätzlich verkörpert wurde, so dass Schott sich ab der zweiten Auflage entschied, dessen Kanonparaphrase seiner eigenen, allerdings weitgehend mit Moufangs deckungsgleichen, Übersetzung vorzuziehen. Dies unterstreicht der gleich doppelte Verweis auf französische und deutsche liturgische Autoritätenals Rechtfertigung für die gegenüber der Erstauflage von 1884 geänderte Politik. Erst ab der 22. Auflage von 1921 ist der Ordo Missaeeinschließlich des Kanons und der Konsekrationsworte im Schott wieder durchgehend zweisprachig enthalten.

Pater Pius Bihlmeyer – Durchbruch und Erfolg des Schott-Messbuches

Mit dieser Bemerkung treten wir ein in die Phase der redaktionellen Verantwortung Pater Pius‘ Bihlmeyers OSB (1876-1931) für das Schott-Messbuch, das er von 1918 bis zu seinem überraschenden Tod 1931 betreute. Neben der Tatsache, dass unter seiner Herausgeberschaft sieben neue Schott-Varianten neben den Ur-Schott des Messbuchs der heiligen Kirche traten, gilt ohne Zweifel ganz generell, was – behaftet mit einiger, zeittypisch-stilistischer Patina – in seiner Totenchronik zu lesen ist: „Die literarische Haupttätigkeit seines Lebens entfaltete P. Pius seit Sommer 1918 mit der Weiterführung des liturgischen Schrifttums unseres am 23. April 1896 in der Laacher Neugründung verstorbenen P. Anselm Schott. Jahrzehntelang vertraute Beschäftigung mit den Hl. Schriften, mit Liturgie und Kirchenvätern, dazu in glücklicher Ergänzung seine bekannte opferwillige Bereitschaft und Verläßlichkeit ließen ihn für seine neue Aufgabe geeignet erscheinen. Mit großer Treue hat sich P. Pius bis zu seinem Sterben diesem schwierigen Werk gewidmet und sich um dessen ständige Vervollkommnung ganz hervorragend verdient gemacht.“[5]

Das Vollständige Römische Messbuch und seine im Jubiläumsjahr 1934 erreichte, endgültige Textgestalt

Hervorzuheben ist unter diesen Leistungen die schon erwähnte Auflage von 1921, mit der der Kanon wieder vollständig übersetzt vorliegt, vor allem aber die Schaffung des Vollständigen Römischen Messbuchs lateinisch und deutsch, das erstmals 1926 erschien und in das noch Pater Bihlmeyer 1930 die sogenannte Einheitsübersetzung[6]von Ordound Canon Missaevon 1929 übernahm. Nach seinem plötzlichen Tod folgte auf Bihlmeyer bis 1948 Pater Sebastian Gögler OSB (1897-1991) als Chefredakteur und Herausgeber des Schott. Er führte 1932 die Einheitsübersetzung auch im Messbuch der heiligen Kirche ein und war auch für dessen berühmte Jubiläumsausgabe von 1934 („50 Jahre Schott-Messbuch“) verantwortlich.[7]In diesem Jubiläumsjahr war es ebenfalls Gögler, der das Vollständige Römische Messbuch eingehend überarbeitet und dieser Ausgabe diejenige Gestalt gegeben hat, die (von der Karwochenreform Pius‘ XII. einmal abgesehen) bis 1965 endgültig und unverändert bleiben sollte, somit auch jetzt maßgeblich ist, wenn der Sarto-Verlag diesen sogenannten Großen Schott 2018 auf dem Stand von 1962 wieder neu herausgeben wird.

[1]Zur Biographie vgl. Dangelmaier, A., P. Anselm Schott. Der Mensch, Priester und Liturge, Selbstverlag, Krummwälden 1971.

[2]Zu Moufangs Biographie vgl. Götten, J., Christoph Moufang: Theologe und Politiker 1817-1890, Verlag v. Hase & Koehler, Mainz 1969.

[3]Zu dessen Biographie und der Wiederbelebung von Solesmes als Benediktinerabtei, sowie auch zu den Beziehungen zwischen Beuron und Solesmes vgl. Oury, G.-M., Dom Prosper Guéranger (1805-1875). Ein Mönch im Dienst für die Erneuerung der Kirche, Be&Be, Heiligenkreuz 2013.

[4]Pachtler, G. M., Meßbuch für das katholische Pfarrkind in lateinischer und deutscher Sprache, Verlag Florian Kupferberg, Mainz 1854, S. 20.

[5]Sterbechronik über R. P. Pius Bihlmeyer (gest. 19. Mai 1931), S. 12. Dafür, mir diese Sterbechronik zur Verfügung gestellt zu haben, sei dem derzeitigen Beuroner Bibliothekar, Br. Petrus Dischler OSB, herzlich gedankt, ihm verdanke ich ebenso anderweitig schwer zugängliche Kopien aus den ersten vier, noch von Schott selbst besorgten Schott-Auflagen, sowie die anschließend noch angeführte Totenchronik des P. Sebastian Gögler OSB (1897-1991).

[6]Zu dieser nicht unumstrittenen Einheitsübersetzung, die bis 1967 in kirchenamtlicher Geltung blieb, obwohl sie sich ursprünglich bloß privater Initiative des Kölner Pfarrers Josef Könn (1876-1960) verdankte, vgl. Häußling, A., „Einheit in den deutschen liturgischen Texten“. Josef Könn und die Übersetzung des Ordo Missaevon 1929, in: Alw 22 (1980), S. 124-128.

[7]Vgl. Totenchronik Pater Sebastian Paul Friedrich Gögler OSB (gest. 16. Oktober 1991).

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2 Kommentare

  1. zeitschnur 5. September 2018

    Zentral ist also diese eigentümliche Schwankung Anselms Schotts in der Übertragung und „Nacktheit“ der Wandlungsworte gegenüber den „Gläubgen“, wo noch zu Beginn bis in die Mitte des 19. Jh anscheinend weniger Skrupel vorlagen, sie (im deutschen Sprachraum) abzudrucken und zu übersetzen.
    Das ist insofern eigentümlich, als der genannte P. Pachtler SJ – wenn man, wie der Autor es dem Anschein nach tut, Schotts Zurückweichen neben dessen persönlicher Mentalität mit dem wachsenden Ultramontanismus und damit verbundenen Papst- und Hierarchieabsolutismus begründet – selber ein absolut gitftsprühender ultramontaner Hardliner war. Er gab etwa das anonym, aber von ihm verfasste Werk „Der stille Krieg der Freimaurerei gegen Thron und Altar“ im Herder Verlag heraus, das ein total polarisiertes Weltbild entwarf, das völlig verblendet war für die Tatsachen: dass nämlich die Freimaurerei keineswegs eine Bewegung von unten war, sondern von oben, die zahlreichen Fürsten und Adligen, die ihr angehörten keineswegs aus Versehen oder in Unkenntnis über dessen wahre Gestalt dort waren und der maßgebende Ideengeber des Papstabsolutismus, der Adlige Joseph de Maistre („Du pape“) ebenso auch bekennender, glühender Freimaurer war und darüber ganz offen schrieb. Die Freimaurerei hatte vielmehr von Anfang an dieselbe pyramidale Struktur wie die Kirche und die Übergänge zwischen beiden sind nachweislich fließend. Anders als Pachtler es darstellt, ist die FM keine egalitäre bewegung, sondern eine zutiefst und sogar ontologisch hierarchische Struktur, nicht anders als ihr Vorbild und Schwesterherz, nämlich die katholische Kirche. Nicht nur in de Maistre lebt hier zusammen, was zusammengehört.
    Wenn also Pachtler keine Probleme damit hatte, die Canonworte deutsch zu übertragen und auch noch zweisprachig abzudrucken, dann kann das auch mit einem dialektischen Spiel zusammenhängen, das insbesondere die SJ seit ihrer Wiederzulassung 1814 noch verstärkter als zuvor bis heute spielt, und das auch eine Erklärung für das einerseits hardlinig konservative, autokratische und dabei dem Anschein nach „volksnahe“ Auftreten F.s sein könnte.
    Was immer sich in der Kirche seither tut, seit 1814, wird von der SJ angeführt, sowohl die restaurativ-ultramontanen als auch die progressiven Triebe. Viele glauben, das sei ein „Abfall“, aber wer die Geschichte dieses Ordens und auch die scharfe Kritik an ihm während des 18./19. Jh verfolgt, muss erkennen, dass er immer ein Doppelspiel spielte, wenn „doppel“ überhaupt reicht – es kann auch ein Drei- oder Vierfachspiel sein, das eben auch auf liturgischer Ebene ausgelebt wurde und wird, im letzten Ende aber eine tiefe Gleichgültigkeit offenbart, die auch immer schon aufgefallen war: Jesuita non rubricat.
    Im letzten Ende ist es sachlich nämlich gehupft wie gesprungen, ob man dem Laien nun die Wandlungsworte übersetzt oder nicht darlegt, wenn man ihn stets als ontologisch außerhalb stehend deklariert und ihm paternalistisch erklärt, welche „Bedürfnisse“ er als Gläubiger er zu haben hat.
    Auch dieser Streit ist nur ein Köder fürs Fußvolk ehrgeiziger Kirchenlehrenversteher, die damit abgelenkt werden von der Frage nach der grundsätzlichen Gültigkeit der kirchlichen, ontologischen Hierachie-Pyramide vor dem, der zugrunde ging an der Hierarchie und sie damit doch eigentlich überwunden hatte.

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