Start Kunst & Kultur "Es geht um den Hedonismus" – Die Thesen von Michel Onfray

„Es geht um den Hedonismus“ – Die Thesen von Michel Onfray

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Der populäre französische Philosoph Michel Onfray ist seit Jahren mit einem areligiösen Alternativprogramm unterwegs. In Caen gründete er eine Art „Universität für alle“, die „Université Populaire“, in der er eine hedonistische Philosophie als Lösungsweg verkündet. Den Atheismus sieht er als große Befreiungsbewegung an. Sind seine Thesen überzeugend?

Aufklärung statt Religion

„Der Obskurantismus – der Humus der Religionen – steht im Gegensatz zur rationalistischen Tradition der westlichen Welt, wo der rechte Gebrauch des eigenen Verstandes, die Lenkung des Geistes nach den Regeln der Vernunft, die Entwicklung einer wahrhaft kritischen Haltung, die generelle Aktivierung der Intelligenz und das Bemühen um eine in sich schlüssige Argumentation genug Möglichkeiten bieten, um die Gespenster zurückdrängen zu können. Deshalb also eine Rückbesinnung auf den Geist der Aufklärung, die dem 18. Jahrhundert ihren Namen gegeben hat.“ – Michel Onfray

Mit diesen Worten beschreibt Onfray zu Beginn seines Buches sein Programm: Aufklärung statt Religion. Wo Religion finster sei, sei Aufklärung hell, wo Religion krank, Aufklärung gesund usw. Es ist das typische Narrativ, das in religionskritischen Kreisen verbreitet wird, aber die Wirklichkeit nicht trifft. Denn die Ursprünge der Bildung in vielen Teilen Europas ist untrennbar mit dem Christentum verbunden. Wissenschaft wurde in den Klöstern des Mittelalters geboren und verbreitete sich immer weiter. Die säkulare Bildung verdankt ihre Ursprünge frommen Mönchen und Nonnen der Vormoderne.

Als Vertreter der Aufklärung nennt Onfray „Feuerbach, Nietzsche, Marx, Freud“. Von Feuerbach und Marx wissen wir, dass ihre Ideen Millionen in den Tod gebracht haben, wenn man an den Kommunismus in der Sowjetunion und Fernost denkt. Nietzsche wurde nicht selten im Nationalsozialismus rezipiert. Diese Personen als Heilsgestalten der Moderne zu präsentieren beweist historische Ignoranz. Keine Philosophie, die in dieser Welt stecken bleibt hat es geschafft, den Menschen frei und glücklich zu machen. Stattdessen sind neue totalitäre Systeme geschaffen wurden: Nationalismus, Kommunismus, Konsumismus. Das eigentliche Mittel, mit dem Onfray überzeugen will, sind Bedürfnisse:

„Der postmoderne Atheismus schafft beim Aufbau seiner Moral sowohl den theologischen als auch den wissenschaftlichen Bezug ab. Es geht nicht mehr um Gott, die Wissenschaft, den verstandesmäßig erfaßbaren Himmel, die Zusammenstellung mathematischer Lehrsätze, nicht mehr um Thomas von Aquin, Auguste Comte oder Karl Marx, sondern um die Philosophie, die Vernunft, den Nutzen, den Pragmatismus und den individuellen und sozialen Hedonismus. Alles Aufforderungen, um auf dem Gebiet der reinen Immanenz etwas zu entwickeln, und zwar unter der Obhut der Menschen, für sie und durch sie, und nicht für Gott und durch Gott.“ – M. Onfray

In diesem Zitat sind viele Widersprüche, aber sein Programm wird deutlich: Säkularhumanismus und Säkularhedonismus für den Menschen, für die Lust. Was richtig und falsch ist, macht Onfray davon abhängig ob es es „nützlich und für das Glück der meisten Menschen entscheidend“ sei. Es geht ihm um einen „hedonistische[n] Vertrag“, der der menschlichen Natur entspreche.

Was ist der Mensch?

Onfrays säkularhedonistischer Ansatz kann dann anziehend sein, wenn er die Bedürfnisse der Menschen aufgreift. Die Frage ist, ob er Recht hat mit der Behauptung, dass Hedonismus der menschlichen Natur mehr entspreche als andere Konzepte. Wird denn der Mensch glücklich, wenn er alle seine Leidenschaften, Laster und Lüste auslebt? Ist das die höchste Freiheit und das höchste Glück des Menschen? Onfrays bittere und zynische Religionsablehnung durchzieht sein ganzes Buch. Er macht deutlich, dass es eigentlich keine frohe Botschaft des Säkularhedonismus gibt.

Vielmehr sind seine Thesen Reaktion. Reaktion auf eine Enttäuschung vom Christentum, dessen Heilsgeschichte er nicht mehr glaubt. Er gibt konsequenterweise zu, dass es in seinem Konzept kein ewiges Heil, keine letzte Gerechtigkeit und keinen letzten Seelenfrieden geben kann. Wie bei Nietzsche hat der Gottestod immer eine Dunkelheit, die es auszuhalten und zu akzeptieren gilt, will man im Atheismus sein Glück finden. Für Onfray gibt es nur einen guten Weg: den des Hedonismus.

Und damit bleibt Onfray in der Absurdität gefangen, denn in seiner naturalistischen Welt der blinden Materie gibt es keine Gerechtigkeit und keine Hoffnung.

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Literatur:

  • Onfray, Michael, Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muß, München/Zürich 42006.

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