Der Glaube setzt Europa in Bewegung: Die Chartres-Wallfahrt 2019

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Von Hannes Kirmse

„La paix du Christ par la regne du Christ“ („Der Friede Christi durch die Herrschaft Christi“) – Unter diesem Leitsatz stand die diesjährige Pfingstwallfahrt zum Schleier der Gottesmutter von Paris nach Chartres. Um welches katholische Großereignis es sich hier handelt, machen auch gerade die Pilgerzahlen deutlich. Liefen 2018 noch gut 10.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene einen Fußmarsch von gut 100 Kilometern, so waren es im darauffolgenden Jahr bereits an die 15.000. Es ist geradezu beachtlich, mit welcher sich immerfort steigernden Dynamik diese Bewegung der katholischen Tradition an Zulauf gewinnt.

Was verbindet diese Bewegung und macht sie zugleich einzigartig? – Es ist dieser außerordentlich ausgeprägte Gemeinschaftsgeist, der im gemeinsamen Gebet, der überlieferten Liturgie, der eucharistischen Anbetung am Abend, ständig wahrgenommenen Beichtgelegenheiten und guten, aufbauenden Gesprächen und Gesängen seinen Ausdruck findet. Hier wird kein Pilger alleingelassen. Selbst wer einmal den Anschluß an seine eigene ursprüngliche Gruppe kurzfristig verloren hat, findet sich sehr rasch bei anderen Pilgern ein, die sich gegenseitig unterstützen und für weitere – teils wegen Hitze, Wind und Regen beschwerliche – Etappen des Weges aufbauen. So fügen sich schließlich Pilgergruppe für Pilgergruppe mit ihren unterschiedlichen Flaggen und Bannern wie zu einer gewaltigen, nicht abreißen wollenden Gebetsschnur.

Das gesegnete und zugleich gepeinigte Frankreich

In einer Gruppe aus der Normandie, die sich hinter dem Banner des Jakobskreuzes versammelt hat, treffe ich auf den jungen Familienvater Viktor Ober. Er fand sich 2013 mit drei anderen Studenten zusammen, deren zentrale Einsicht es war, daß die Herrschaft des Satans im Begriff ist, wegen der Trägheit des Guten zu siegen. Dieser Grundgedanke wurde zu einem wesentlichen Impetus dafür, selbst aktiv zu werden und sich dabei in erster Linie an seine Mitmenschen zu richten: Gerade der Generation der heute 18- bis etwa 35-Jährigen mangelte es aus ihrer Sicht an dem Verständnis für die Grundlagen ihrer eigenen Kultur, ihrer Traditionen und des historischen Gewordenseins der europäischen Zivilisation.

So riefen sie dann recht schnell die Academia Christiana (https://www.academiachristiana.org) ins Leben, die sich fortan den zentralen Herausforderungen widmen sollte, mit denen man heute als junger Katholik konfrontiert ist – Hedonismus, Relativismus, Materialismus – um nur einige Schlagworte zu nennen. So fand schließlich noch im gleichen Jahr die erste Sommerakademie mit anfänglich 50 Teilnehmern statt. Die Gemeinschaft der Academia Christiana ist mittlerweile enorm angewachsen.

An die 800 junge Menschen haben bis heute deren Ausbildung durchlaufen und haben sich von zahlreichen, thematisch breitgefächerten Vorträgen zum Christentum, zur politischen Theorie und zur Kulturgeschichte inspirieren lassen. – Auch hier wird offenkundig, dass sich etwas in Frankreich bewegt: Nicht jeder ist bereit, sich einem laizistisch dominierten Frankreich, dessen spirituelle Flügel erheblich gestutzt worden sind, unterzuordnen. Denn dabei ist Frankreich das Land, das über Jahrhunderte hinweg fortdauernd vom Christentum geprägt worden ist.

Man denke allen voran an die Erscheinung der Gottesmutter in der Grotte von Lourdes, welche die unbefleckte Empfängnis Mariens in unnachahmlicher Weise bekräftigt hat. Man denke an die Pariser Rue du Bac, in welcher 1830 der Nonne Catherine Labouré die Gottesmutter mehrfach erschien und woraus die bis heute weit verbreitete Wundertätige Medaille hervorgegangen ist. Es ist dieses Frankreich, das über Jahrhunderte hinweg Monumente errichtet hat, die zu landschaftsprägenden, zu weithin sichtbaren Zeugnissen des fundierten Glaubens geworden sind.

Da ist allen voran die gotische Kathedrale von Chartres, die eben jenen Pilgerstrom Jahr für Jahr anzieht. Da ist die Kathedrale von Reims, in der Charles de Gaulle und Konrad Adenauer die Besiegelung der deutsch-französischen Freundschaft in Form einer Heiligen Messe begangen haben. Doch gerade heute steht nicht nur das katholische Frankreich vor immensen Herausforderungen und Infragestellungen: die Anschläge auf Charlie Hebdo und Bataclan, die Ermordung des Paters Jacques Hamel und des Gendarmerie-Offiziers Arnaud Beltrame. Zugleich werden seit Jahren Kirchen en masse abgerissen oder in eine profane Nutzung überführt. Zuletzt war es der verheerende Brand der Pariser Notre Dame-Kathedrale, in der dieses Jahr wieder mit einer feierlichen Messe die Chartres-Wallfahrt hätte beginnen sollen. Als ich Viktor Ober nach der Bedeutung des Brandes für die Katholiken Frankreichs befrage, antwortet er mir wörtlich:

„Über die Themen politische Verantwortung, Erneuerung und Erhaltung des Erbes hinaus ist dieses Feuer vielen als Symbol für den Niedergang des Westens erschienen. Notre-Dame de Paris war das meistbesuchte Denkmal in Europa. Bevor es sich um eine von unseren Vorfahren errichtete Kathedrale handelte, befand sich an dieser Stelle ein römischer Tempel, der an die Stelle eines keltischen Tempels getreten war. Das Verbrennen des Eifelturms hätte nicht dieselbe symbolische Bedeutung gehabt wie das Feuer von Notre-Dame de Paris. Wir sehen es sowohl als Zeichen unseres Niedergangs als auch als Weckruf für die Europäer, damit das geistige Gebäude, das wir tragen sollen, nicht auch erliegt.“

Kein Europa ohne Christentum

Bei allem Schmerz über die nun teilweise in Trümmern liegende Notre-Dame zeigt sich deutlich, daß es die Chartres-Wallfahrt ist, welche einen wesentlichen Beitrag zur Wachhaltung des großen spirituellen Erbes Europas leistet. Es ist das unverfälschte Christentum, das hier gelebt und auf besonders erhebende Weise gefeiert wird. Stets kehren die Pilger mit etwas Fußleiden, aber dafür mit gestärktem Geist in ihre Heimat zurück. Auch wenn die traditionelle Liturgie in einigen Gegenden ein Dasein an der Peripherie führen muß, so nimmt man hier die zentrale Erkenntnis mit, daß man Teil einer großen Gemeinschaft ist. Wie nachhaltig prägend die Chartres-Wallfahrt ist, ließ dieses Jahr Robert Kardinal Sarah wieder deutlich werden, welcher letztes Jahr die Abschlußmesse in Chartres zelebriert hat.

Er brachte auch dieses Jahr allen Pilgern seine geistige und freundschaftlich verbundene Unterstützung zum Ausdruck. Weiterhin teilte er mit: „Letztes Jahr waren wir zusammen. Im Gebet bleiben wir immer verbunden.“ Das Gebet ist ein wesentlicher Grundpfeiler der Wallfahrt. Jeder trägt in sie besondere – auch persönliche – Anliegen hinein, sei es für Gesundheit, verstorbene Angehörige oder auch für geistliche Berufungen.

Letztes Jahr war es Kardinal Sarah, der in seiner Predigt den Pilgern noch ein besonderes Anliegen eindringlich nahelegte: „Volk Frankreichs, wach auf! Kehre zurück zu Deinen Wurzeln!“ Dies läßt sich zweifelsohne auf ganz Europa übertragen, denn vielfach scheint es heute so, als treibe der Kontinent wie auf einem trunkenen Schiff umher und als hätte er dabei seinen Kompaß verloren, der ihn spirituell, politisch und kulturell leiten sollte. Wie prägend das Christentum einst für Europa gewesen ist, läßt sich etwa anhand der geistlichen musikalischen Werke großer Komponisten wie Haydn, Beethoven oder Gounod erahnen. Sie alle hätten sich nicht derart entfalten können ohne das überlieferte Christentum, das sie umgab.

Auch die steinernen Zeugnisse sind nicht zu vernachlässigen. So beschrieb der französische Romancier Joris Karl Huysmans (1848 – 1907) die Pariser Notre Dame-Kathedrale folgendermaßen: „So war denn das Gotteshaus, die Kathedrale, ein Ganzes, eine allumfassende Synthese; sie war die Bibel und der Katechismus, Moral- und Geschichtsunterricht; sie ersetzte für den des Lesens Unkundigen den Text durch Bilder.“   

Was bleibt?

Was bleibt also von der Wallfahrt? Zunächst ist es die Einsicht, daß der Weg nach Chartres, die geistige Erneuerung Europas, sowie selbst auch das Wirken des Heiligen Geistes nicht aus einer kurzfristigen Perspektive heraus begriffen werden können. Es bleibt ein ganzes Stück weit ein Geheimnis, dem in der stillen Betrachtung und der inneren Selbstprüfung nachgegangen werden muß. Denn wie sollte man auf den Punkt gebracht erfassen können, was sich hier vor einem auftut?

Gleich auf mehreren Ebenen wird man als Chartres-Pilger von der Bewegungsdynamik erfaßt und geradezu überwältigt: Da ist der sittlich-moralische Weg, der einem durch geistliche Vorträge und Predigten nahegelegt wird, der letztlich im Streben zur Heiligkeit münden soll. Da finden wir die gelebte Tradition vor, die auf einen ständigen Weg des Sich-Überlieferns zurückgeht. Weiter ist es das Erlebnis der Wallfahrt an sich, das zur Wahrheitssuche in Auseinandersetzung und womöglich auch in Widerstreit mit der einen umgebenden Welt bewegt. Und was wären die Heiligen Messen der Wallfahrt ohne den von ihnen ausgehenden Gnadenstrom?

Am Anfang die Hoffnung

Bei all den geistlichen Betrachtungen bliebe es ein nur unvollständiges Bild, wenn man nicht auch einen Blick auf die gegenwärtige Lage des Katholizismus in Frankreich richten würde. Hier zeigt sich recht schnell, daß ein immenser Verlust an Glaubensfundamenten und Glaubenspraxis kein spezifisch deutsches Phänomen ist. Dazu befragt erklärt mir Viktor Ober, daß der französische Katholizismus regelrecht moribund sei. Nur noch 4,5 % der Gesellschaft bestünde aus praktizierenden Katholiken. Auch meint Viktor eine innere Spaltung unter den Katholiken auszumachen. Gerade die Älteren würden bis heute den Fortschrittsversprechen des Zweiten Vatikanums die Treue schwören.

Hingegen stellt er fest, daß es die Jugend sei, die nach einem authentischeren Gebetsleben strebt und eher bereit sei, sich an die traditionelle Moral zu binden, welche sich in der Ablehnung der Homosexualität und der Bejahung des klassischen Familienbildes ausdrückt. Dies schließt seiner Einschätzung nach nicht aus, daß sich ein Teil der traditionsverbundenen Jugend beispielsweise auch in der charismatischen Bewegung wiederfände. Bei dem jungen katholischen Klerus macht Viktor eine besondere Affinität zur überlieferten Liturgie aus. Es gäbe also eine gewiße Renaissance, da Berufungen und Jugendliche unserer Zeit eher auf der Seite der Tradition stünden als auf der Seite der bedingungslosen Akzeptanz weltlicher Einflüße. Will ich die Ausführungen von Viktor Ober resümieren, so muß ich sagen, daß trotz aller prima facie wahrgenommenen Agonie Anlaß zur Hoffnung besteht.

Soll es mit der Abschlußmesse in der beeindruckenden Kathedrale von Chartres am Pfingstmontag alles gewesen sein? Sollen sich die jungen Pilger wie nach einem besuchten Festival nun wieder in ihre Komfortzonen zurückziehen? Gewiß nicht! Der Abschluß der Wallfahrt bildet wiederum einen neuen Anfang. Jetzt, da die Seelen reich genährt wurden, ist es an der Zeit, diesen lebensspendenden Geist der Wallfahrt in den Alltag, in die Familien und die einzelnen Gemeinden hineinzutragen. Die hier angestoßene Bewegung will dazu beitragen, daß Frankreich und auch Europa geistig satisfaktionsfähig bleiben.

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