Katholisch – und darum wunschlos glücklich

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Die Jungfrau Maria mit Engeln, Gemälde von William Adolphe Bouguereau William-Adolphe Bouguereau [Public domain]
Die Jungfrau Maria mit Engeln, Gemälde von William Adolphe Bouguereau William-Adolphe Bouguereau [Public domain]

Von Thorsten Paprotny

Vor knapp einem Jahr hat der heutige Hildesheimer Bischof Dr. Heiner Wilmer sich gemeinsam mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen an verschiedenen Orten der großflächigen Diözese, die von der Nordsee bis in den Harz und vom Weserbergland bis an die Elbe reicht, auf den Weg gemacht. Pater Wilmer und viele junge Christen gingen einen Stück ihres Weges gemeinsam, anders gesagt: Sie kamen wandernd miteinander ins Gespräch, als Weggefährten im Glauben, als Hörende und als Betende. Auf diesen Wegen vor der Bischofsweihe hat Wilmer, der Ordensgemeinschaft der Dehonianer angehörig, immer wieder eine Frage gestellt, die ihn besonders bewegt hat: „Wie wünscht ihr euch die Kirche?“ Oder auch: „Wie stellt ihr euch die Zukunft der Kirche vor?“

Ein interessante Frage, die manche Menschen – und das generationenübergreifend – sicher dazu ermutigt, persönliche Vorstellungen und Gestaltungsideen zu äußern. Auch eine Frage, die nachdenklich und sprachlos machen kann, weil die Befragten keine Antwort wissen oder mit jeder Antwort, die sie spontan oder auch nach längerem Nachdenken äußern würden, sogleich wieder unzufrieden wären. Kennen Sie, kennt ihr, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, solche Wünsche?

Aus der Erfahrung meines Lebens, ob früher als Dozent für Philosophie und Theologie, vor allem aber als Pilger in der Weggemeinschaft des Glaubens, kann ich sagen, dass ich diese Frage zwar nie gestellt habe, aber viele Antworten darauf kenne und manche erahne. Wir sammeln viele Erfahrungen, mit Freundschaften, in Schule und Beruf, in der Familie, und wünschen sich uns dann, dass einiges ganz anders sein könnte oder sein sollte. Unsere Wege sind überzeichnet von Rat- und Sprachlosigkeit nach Konflikten. Wir sind verletzt worden, und wir tun uns oft schwer damit, anderen zu verzeihen.

Wir selbst haben anderen wehgetan, aber wir finden nicht den richtigen Weg, um uns zu entschuldigen und unsere Schuld zu bekennen. Wir sind manchmal unfähig, aus eingeübten Verhaltensweisen und Denkmustern herauszutreten und uns wirklich von innen her zu ändern. Wir haben Gewohnheiten angenommen, und wir haben auch gelernt, über vieles nicht mehr nachzudenken. Wir kritisieren manchmal vieles, und wir sind so selten wirklich dankbar für das Gute, das wir erfahren durften. Sicherlich haben wir alle auch Wünsche, nach Verständnis, nach Nähe oder Distanz, nach Freiheit oder Führung.

Das gilt für alle Lebensbereiche, auch für die Kirche, mit der wir gute Erfahrungen gesammelt haben und mit der uns auch Fragezeichen verbinden. Ich erinnere mich an meinen schon lange verstorbenen Großvater, der in der Zeit nach dem Konzil nicht verstehen konnte, warum im Zuge der ihn ratlos machenden Liturgiereform die Hochaltäre zerstört wurden. Erst hatte der Zweite Weltkrieg die Städte und Kirchen verwüstet, dann legten kirchliche Verwaltungsbehörden selbst Hand an. Das hieß dann „Erneuerung der Kirche“.

Mein Großvater hat das alles nicht verstanden, und wenn er nach einem Wunsch gefragt worden wäre seinerzeit, so hätte er zumindest sein Unverständnis geäußert – und er hätte sich nicht gescheut, bei allem gebotenen Respekt, dies auch seinem Bischof zu sagen. Er hätte sich gewünscht, dass die Kirche so bleibt, wie sie ist. Und wir selbst? Wie wünschen Sie sich, wie wünscht ihr euch die Kirche? Eigentlich möchte ich, so habe ich mir überlegt, gar nicht danach gefragt werden, wie ich mir die Kirche wünsche, aber ich möchte in ihr sein, verweilen und bleiben dürfen. Meine Antwort auf die Frage hätte auch vor dreißig Jahren genauso gelautet wie heute: So wie immer, ganz normal eben, wie denn sonst?

Ich möchte gern einfach in der Bank sitzen und vor dem Tabernakel knien dürfen. Auch bin ich dankbar, wenn ich zu spät komme, dass im Ganzen immer noch pünktlich – so wie, auf gewisse Weise, der gute Schächer am Kreuz mit seinem bloß angedeuteten Glauben gerade noch rechtzeitig gekommen ist. Ob ich vorne oder hinten sitze, ist nicht so wichtig, und weil ich einfach froh bin, im Haus des Herrn sein zu dürfen. Ich wünsche mir nicht, die Kirche zu korrigieren, sondern ich weiß, dass ich es nötig habe – immer wieder – von der Kirche korrigiert zu werden. Und ich wünsche mir auch, dass die Kirche nicht meinen Vorstellungen entspricht, sondern Seine Kirche bleibt, also die Kirche unseres Herrn Jesus Christus.

Mein Wunsch ist, dass die Kirche – wie das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigte – nicht selbst zum „Licht der Völker“ wird, sondern dass sie durchsichtig, durchlässig wird für Christus, dass sie verkündet, dass Jesus Christus, niemand sonst, der Herr ist, zu dem wir uns bekennen und bekehren sollen, der uns den Weg zur Heiligkeit weisen kann und möchte. Unser Herr – und mit Ihm Seine Kirche – kann, muss und soll uns auch keine Wünsche erfüllen – so verständlich es auch ist, dass wir zuweilen welche haben –, denn Er, der gekreuzigte und auferstandene Herr, ist nicht die gute Fee, sondern der Herr der Kirche und der ganzen Welt.

Ich wünsche mir, dass die Kirche ganz sie selbst bleibt und damit bei Christus, und ich wünsche mir zugleich, dass wir nie vergessen, die „Zeichen der Zeit“ im Licht des Evangeliums zu deuten, und nicht damit beginnen, die Lehre der Kirche an den Zeitgeist anpassen zu wollen. Ich wünsche mir, dass die Gemeinschaft der Kirche aller Zeiten und Orte mich dann auch noch trägt, wenn mir die Worte fehlen, wenn mein Beten ein unklares Stammeln geworden ist und wenn ich vor lauter Fragen und Fragezeichen die Orientierung einbüßen sollte. Dann wünsche ich mir, dass die Kirche mir nicht sagt: Ich weiß auch nicht, wohin du gehen sollst, weil in der Postmoderne alles möglich und alles gleichermaßen richtig ist, sondern dass mir die Führung geschenkt wird, um die ich bitte, gegen die ich mich vielleicht sträuben werde und gegen die ich sogar aufbegehren könnte. Wie ein störrisches Schaf.

Was wünsche ich mir von der Kirche? Dass sie, wie der gute Hirte, wie eine liebende Mutter, dem verlorenen, widerborstigen Schaf nachgeht – und nicht nur dieses eine, sondern kein einziges Schaf aufgibt. Dass Kirche sich nicht selbst verloren geht, sondern unverbrüchlich ihrem Stifter treu bleibt und dem wiederkommenden Herrn entgegengeht. Dass die Kirche offen bleibt für die Suchenden und nicht zu einem Markt weltlicher Möglichkeiten wird. Dass die Kirche uns Obdach und Heimat schenkt in einer so oft ungastlichen Welt. Dass Kirche die heiligen Sakramente würdig und ehrfürchtig feiert. Dass die Kirche den Schatz und die Perlen des Glaubens hütet, treu bewahrt und das Evangelium verkündet.

Dass die Kirche für den Schutz des menschlichen Lebens, von Anfang an bis zu dem Augenblick, in dem ein jeder Mensch auf seine Weise leise Servus sagt, mit Leidenschaft eintritt. Dass Kirche eine Weggefährtin für die Fragenden und Suchenden ist – und uns bestärkt, immer wieder, auf je eigene Weise, zu bezeugen, dass Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, auferstanden ist von den Toten und bei uns bleibt bis zum Ende der Welt. Dass wir nie vergessen, dass wir selbst Glieder des Leibes Christi, dass wir darum selbst die Kirche sind und dass wir uns immer wieder neu bekehren müssen.

Ich hoffe, dass wir immer mehr lernen, uns nicht von der Kirche etwas zu wünschen, das uns gefallen mag, sondern dass wir zuinnerst wünschen, die Kirche aufrichtig, dankbar und treu immer mehr zu lieben und froh zu sein, dass sie uns geschenkt ist, dass wir in ihr, in Seinem Haus, heimisch sein dürfen: „Emitte lucem tuam et veritatem tuam: ipse me deduxerunt, et adduxerunt in montem sanctum tuum et in tabernacula tua.“ (= „Sende aus Dein Licht und Deine Wahrheit; sie haben mich geleitet und mich geführt auf Deinen heiligen Berg und in Dein Gezelt.“) – „Et introibo ad altare Dei: ad Deum, qui laetificat iuventutem meam.“ (= „Und eintreten will ich zum Altar Gottes, zu Gott, der meine Jugend erfreut.“)

Was wünschen Sie sich, was wünscht ihr euch von der Kirche? Wie stellt ihr euch die Zukunft der Kirche vor? Vielleicht mag die eine oder der andere einfach lächeln und sagen: „Ich bin doch einfach bloß römisch-katholisch und darum – wunschlos glücklich.“

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