Mit Tolkien Christ werden

Mit Tolkien Christ werden

Tolkien war katholisch und liebte die Alte Messe und die Tradition. Der Glaube gab seinem Leben Hoffnung und Orientierung – zwei Dinge, die unverzichtbar sind, wenn man durch die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts geht: den Ersten Weltkrieg. Als er 1916 von der Front zur Genesung nach England zurückkehrte, waren fast alle seine Freunde tot – gefallen an der Somme oder erschossen an der Marne. Schicksalsschläge kennzeichneten sein Leben. Bereits 1904 starb seine Mutter an Diabetes, da war Tolkien gerade mal zwölf Jahre alt. Wenige Jahre zuvor konvertierte sie mit ihren Kindern zum katholischen Glauben.

Geboren wurde Tolkien aber nicht in England, sondern in Südafrika. Als sein Vater starb zog seine Mutter mit ihm und seinen Geschwistern zurück nach England. Als seine Mutter wenige Jahre danach den katholischen Glauben angenommen hatte, wurde sie von ihrer anglikanischen Familie verstoßen. Das sollte Tolkien nie vergessen. Dem Vollwaisen wurde der Priester und Freund der Familie Francis Xavier Morgan zum Vormund gegeben.

Tolkien schätzte sehr das ländliche England. Er war ein Naturfreund und hatte eine besondere Vorliebe für Bäume und gutes Essen. Der Moderne stand er zeitlebens skeptisch gegenüber. Suspekt waren ihm vor allem die Thesen jener Ideologie, nach der alles besser, schöner und menschlicher werde, wenn man nur mehr Fortschritt wage. Er sah den Menschen nicht als ein zu optimierendes Subjekt, sondern als ein verwundetes Geschöpf, das das wahre Leben nicht in der Entfremdung von der Natur, sondern im richtigen Verhältnis zu ihr finde.

Als Professor für alte Sprachen interessierte Tolkien sich vor allem für nordische Mythologien und Sagen. Er suchte Urgeschichten und erfand Sprachen, mit denen er literarisch beschrieb, was es heißt, Mensch zu sein. Dabei war ein Thema zentral: der Tod:

„Wenn es um eine lange Geschichte geht, in der die Aufmerksamkeit der Leute nicht verloren geht, geht es immer um ein Thema: den Tod, die Unausweichlichkeit des Todes. Es gibt ein Zitat von Simone de Beauvoir, das es auf den Punkt bringt: „So etwas wie einen natürlichen Tod gibt es nicht. Nichts, das einem Menschen passiert, ist jemals natürlich, denn seine Gegenwart stellt die gesamte Welt in Frage. Alle Menschen müssen sterben, aber für jeden einzelnen Menschen ist sein Tod ein Unfall. Selbst wenn er es weiß, würde er es als eine ungerechtfertigte Verletzung empfinden.“ Man mag den Worten zustimmen oder nicht, aber sie sind das Schlüsselthema (key spring) im Herrn der Ringe“ (Tolkien, BBC-Interview 1968).

Tolkiens Werke sind beeinflusst von seinen Lebenserfahrungen, sollen aber nicht allegorisch verstanden werden, im Unterschied zu „Die Chroniken von Narnia“. Direkte Allegorien lehnte er ab: „I dislike allegory whenever I smell it“ – Ich mag keine Allegorie, wo auch immer ich sie rieche.

Der Einfluss des katholischen Glaubens

Wenn man „Der Herr der Ringe“ nicht als platte Allegorie lesen soll, so kann man katholische Einflüsse dennoch herauslesen. Das Böse ist stolz und macht hoffnungslos. Das Gute ist einfach und liebevoll. Das ewige Leben wird durch die Fahrt zu den „Grauen Anfurten“, den unsterblichen Landen, symbolisiert. Die Elben, die sehr an klassische Engeldarstellungen erinnern, sind unsterblich und segeln zum Jenseits.

Das Böse verführt durch scheinbar grenzenlose Macht. Es nutzt die Gier und andere Schwachstellen des Menschen, um seine Verführungskunst voll auszuspielen. Das Böse zieht über Mittelerde wie ein dunkler Nebel auf, der alles tötet, was sich nicht versklaven lässt.

Das Gute wirkt erstaunlich anders in der Welt. So sagt Sam: „Es gibt etwas Gutes in dieser Welt, Herr Frodo und dafür lohnt es sich zu kämpfen“. Das Gute wirkt im Vertrauen auf Freundschaft und Liebe. Frodos Opferbereitschaft besiegt die scheinbare Allmacht der Dunkelheit. Es sucht das Unscheinbare, um zu siegen. Tolkien schreibt über den Kampf für das Schöne, Gute und Wahre, das vor allem dort zu finden ist, wo Güte, Freundschaft und Einfachheit gelten. Es sind diese drei Tugenden, die den Ring zerstören werden. Es ist die Güte, die Gollum leben lässt, es die Freundschaft zu Sam, die Frodo bis zum Ende bringt und es ist seine Einfachheit, die ihn befähigt, den Ring zu tragen. So wird ein einfältiger Hobbit zum Held. Frodo rettet die Welt und die stolzen Krieger versagen auf dem Schlachtfeld.

Frodo hat sein Leben eingesetzt, um das Auenland zu retten, aber der Sieg war nicht für ihn. Frodos Einsatz zur Rettung hat nicht nur Opfer gefordert, sondern ihn selbst zum Opfer werden lassen. Seine Wunden werden nicht mehr heilen, nicht in dieser Welt. Frodo muss zu Sams Entsetzen das Auenland verlassen:

»„Aber“, sagte Sam, und Tränen traten ihm in die Augen „ich dachte, auch du würdest noch Jahr um Jahr am Auenland deine Freude haben, nach alldem, was du getan hast“ – „Das dachte ich auch einmal. Aber ich bin allzu tief verwundet, Sam. Ich habe das Auenland zu retten versucht, und es ist gerettet worden, doch nicht für mich. So geht es oft zu, Sam, wenn etwas in Gefahr ist: Der eine muss es aufgeben, es verlieren, damit die anderen es behalten können“« (Buchzitat).

In diesen Zeilen hat Tolkien die ganze christliche Heilsgeschichte erklärt. Opferbereitschaft und Hingabe haben Rettung und neues Leben geschaffen. Der Preis war sein Leben, der Lohn ist die Ewigkeit. Doch wie viel mehr ist das als alle Vergänglichkeit? Ein Schiff wird kommen. Frodo wird das Auenland verlassen und mit den Elben ins Jenseits segeln.

„Und bald war das Schiff auf hoher See und fuhr immer weiter gen Westen, bis Frodo schließlich in einer Regennacht einen lieblichen Duft bemerkte und Gesang hörte, der übers Wasser schallte. Und dann war es ihm … als werde der graue Regenschleier in silbernes Glas verwandelt und weggezogen, und vor ihm lägen weiße Strände und dahinter ein weites grünes Land unter einer rasch aufsteigenden Sonne“ (Buchzitat).

Das ist die Verheißung für Liebe ohne Eitelkeit.

Die traditionelle Gesellschaft

Zuhause, Heimat, Freundschaft, Opferbereitschaft, Geborgenheit, Schicksalsgemeinschaft, Liebe: das macht „Der Herr der Ringe“ aus. Kriege und Veränderungen werden als Bedrohungen dargestellt, die entwurzeln und zerstören. Die Moderne meint, dass sie eine Verbesserung durch Zerstörung des Alten hervorbringt. Tolkien stellt das radikal in Frage.

Das Auenland in „Der Herr der Ringe“ ist der Sehnsuchtsort aller vormodernen Romantik. Dort gelten traditionelle Werte und Tugenden, man schätzt das Beständige, Veränderungen lehnt man ab. So heißt es im Film treffend: „Und so geht das Leben im Auenland weiter, ziemlich genauso wie im vergangenen Zeitalter. Es herrscht das übliche Kommen und Gehen und Veränderungen finden nur langsam statt, wenn überhaupt. Denn im Auenland schätzt man Dinge, die von Dauer sind. Sie werden von einer Generation an die nächste weitergereicht. Schon immer hat ein Beutlin hier unter dem Berg gelebt, in Beutelsend. Und so wird es auch immer bleiben“ (Filmzitat).

Die ländliche Idylle, bewohnt von Bauern und Handwerkern, ist der Gegenentwurf zu dem dunklen Land „Mordor“, das nicht nur lautmalerisch der englischen Aussprache von „modern“ nahe ist. In Mordor werden in radikal-industrieller Massenproduktion seelenlose Armeen aufgestellt, die das Auenland angreifen und zerstören (Plot im Buch). Doch es sind Hobbits, die die Seelenlosen am Schicksalsberg besiegen und damit auch den Triumph der Tradition über die Moderne markieren.

Zurück in unsere Welt

Es geht nicht darum, in Märchenwelten unterzugehen. Aber Märchen können helfen, das Leben zu verstehen. Tolkien hat zu seinen Lebzeiten beobachtet und literarisch verarbeitet, was seine Generation erlebt hat: Zwei Weltkriege und das Zerbrechen der bestehenden Ordnung. In den 60er Jahren begann eine technische und weltanschauliche Revolution und sie veränderte die Welt. Die Welt und die Werte, die er schätzte, gingen verloren. Die neue Welt erlebte er als Entfremdung vom wahren und guten Leben. Tolkien sah neuen Zwang, neuen Druck und neue Versuchungen.

Es ist etwas kaputt gegangen, was nur schwer zu heilen ist. Aber zwei Heilmittel haben wir: Alte Messe und Tradition.

1 KOMMENTAR

  1. Kleine Anmerkung für die, denen das noch nicht aufgefallen ist: Der Tag, an dem der Ring vernichtet wird, ist der 25. März. Und viel Freude beim wieder lesen.

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