Vom Kirchenkritiker zum Atheisten: Der Modernist Alfred Loisy

Vom Kirchenkritiker zum Atheisten: Der Modernist Alfred Loisy

Der Kampf gegen den Modernismus nahm im Pontifikat Pius X. Fahrt auf. Besonders drei Kampfmittel wurden dabei gegen diese „Zusammenfassung aller Häresien“ (Enzyklika Pascendi) ins Feld geführt: das Dekret „Lamentabili“ (1907), die Enzyklika „Pascendi“ (1907) und das Motu Proprio „Sacrorum antistites“ (1910), in dem der Antimodernisteneid enthalten war.

Die Sprache war martialisch – schließlich war der Kampf gegen den Modernismus für Pius X. ein Kampf gegen die Feinde des Christentums: „Die Zahl der Feinde des Kreuzes Christi ist in dieser letzten Zeit gestiegen; mit ganz neuen und verschlagenen Kunstgriffen suchen sie die Lebenskraft der Kirche zu zerstören und möchten gerne, wenn sie es könnten, das Reich Christi selbst von Grund auf vernichten.“ (Pascendi)

Joseph Mausbach, Professor für Moraltheologie in Münster machte in seinem Werk „Der Eid wider den Modernismus“ (1911) den Modernisten und ihren Methoden folgenden Vorwurf: „daß das Ewige und Göttliche irgendwo sicher und gebietend in die Geschichte eintritt, diese Grundanschauung aller Offenbarungs- und Christusreligion wird hier völlig fallen gelassen. Der Glaube, der an solchen Tatsachen festhält, ist eine dem religiösen Bedürfnis und Gefühl entspringende Verklärung der Wirklichkeit, die neben der wissenschaftlichen Betrachtungsweise hergeht.“

Besonders im Exegeten Alfred Loisy sah man in Rom den Vorwurf Mausbachs bestätigt. Er galt als der „Mustermodernist“ schlechthin.

Alfred Loisy war ein französischer Priester und Professor für Exegese am Institut catholique de Paris. Schon unter dem Pontifikat Leos XIII. Ende des 19. Jahrhunderts geriet in Konflikt mit dem Lehramt. Allerdings kam es erst im Pontifikat Pius X. zur Eskalation, nachdem Loisy sein Werk „L’Evangile et Èglise“ (1902) veröffentlicht hatte. Loisys ursprüngliches Ziel war es Theologie und moderne wissenschaftliche Methoden miteinander zu verbinden. Er kritisierte sogar den evangelischen Theologen Harnack und suchte eine katholische Antwort auf dessen Verständnis von Kirche. Nur wenige kennen Loisy, aber viele sein Diktum: „Jesus hat das Reich Gottes verkündet; gekommen ist die Kirche“.

Der Dogmatikprofessor und Antimodernist Anton Gisler setzte sich in seinem Werk „Der Modernismus“ (1912) mit Loiy auseinander und beschrieb das Problem des Lehramts mit ihm. Laut Gisler ist der Modernismus in Loisy Fleisch geworden. Das bedeutsamste Buch des Modernismus sei Loisys „L’Èvangile et Èglise.“

Loisys Kritik an Harnack, dass das Wesen des Christentums nicht darin liege, im Bewusstsein einen gnädigen Gott zu haben, sondern das Reich Gottes für sichtbare Menschen sei und daher die Gesellschaftsnormen habe annehmen müssen, z.B. eine Hierarchie, wie es sich bereits im Evangelium zeige, sei noch katholisch gewesen. Aber Loisy habe den katholischen Gedanken von Grund auf verstellt, in dem er behauptete: „Die Verfassung, die Dogmen, den Kult und die Sakramente der katholischen Kirche habe Jesus auch nur in ihren wesentlichen Punkten weder vorausgesehen, noch beabsichtigt.“ (Gisler)

Zwar seien bei Loisy die Dogmen aus dem Evangelium hervorgegangen, aber er beanspruchte gleichzeitig gegenüber allen Glaubensdogmen „das Recht freiester Auswahl und Kritik, leugnete die Grunddogmen des Glaubens: die Gottheit Christi, seinen Erlösungstod, seine leibliche Auferstehung, die Gründung der Kirche und die Einsetzung der Sakramente, und wollte dennoch berechtigt sein, Christ und römisch-katholisch zu heißen.“ (Gisler)

Kardinal Richard von Paris hatte das Buch „L’Èvangile et l’Èglise“ bereits im Januar 1903 verurteilt, da es die Grundlagen des Glaubens antasten würde. Loisy hingegen verteidigte sich als treuer Diener der Kirche. Er versicherte, dass er kein Dogma verwerfe und an allem festhalte, was die Kirche lehre. Aber bloß als Gläubiger, nicht als Historiker. Denn Loisy lehrte, dass die wissenschaftlichen historischen Tatsachen bloß durch den Verstand festgestellt würden, während die Dogmen nicht bloß durch den Verstand, sondern auch durch einen Druck des Herzens unter Leitung des guten Willens und mit Gottes Hilfe gestaltet werden, wenngleich auch geschichtliche Einflüsse eine Rolle spielen.

So lehre Loisy, dass es einen Unterschied zwischen Dogmen und historischen Ereignissen gebe. Letzte hieße das: „Der historische Christus, das heißt: Christus, geprüft vor dem Forum der wissenschaftlichen Geschichte, sei nicht von den Toten auferstanden“ Glaube und Geschichte hätten bei Loisy nichts miteinander zu tun, auch nicht der Theologe und der Historiker. Es war nach Gisler daher klar, dass die Grundgedanken Loisys, die in seinen Werken „Autour d’un petit livre“ und „l’Èvangile et l’Èglise“ stünden, unkatholisch seien, er sie nicht Wissenschaft nennen könne und Rom sie folglich im Dezember 1903, wie auch die Werke „La Religion d’Israel„, „Études évangéliques“ und „Le quartrième Èvangile“ verurteilte.

Nach seiner Exkommunikation 1908 hatte Loiys seine Soutane abgelegt: „Der Bann, der mich getroffen hat, nimmt mir das Recht das Priesterkleid zu tragen, und ich trage es nicht mehr.“ Pius X. hoffte indes auf eine Versöhnung Loisys mit der Kirche. Der Papst schrieb dem zuständigen Bischof von Paris: „Wenn Loisy einen Schritt entgegenkommt, kommen Sie ihm zwei entgegen.“

Fortan war Katholiken der Kontakt mit ihm verboten (er war ein „vitandus“). Das hinderte ihn aber nicht, weiterhin Karriere zu machen: 1909 wurde er am Collège de France angestellt und lehrte Religionsgeschichte. Zeit seines Lebens blieb die Versöhnung mit der katholischen Kirche aus. Gegen Ende seines Lebens wandte sich Loisy vom Christentum ab und pantheistischen Lehren zu. Er starb als Exkommunizierter 1940 in Frankreich.

Quellen und Literatur:

Dekret der heiligen Inquisition „Lamentabili“ vom 3. Juli 1907.

Gisler, Anton, Anton, Luther redivivus?, in: Schweizer Rundschau 22 (1922), S. 161-180.

Gisler, Anton, Der Modernismus, Einsiedeln 1912.

Mausbach, Joseph, Der Eid wider den Modernismus und die  theologische Wissenschaft, Köln 1911.

Pius X. Enzyklika Pascendi dominici gregis vom 8. September 1907.

Pius X. Motu Proprio Sacrorum Antistitum vom 1. September 1910.

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