Salve Regina: Die Geschichte der marianischen Antiphon

Salve Regina: Die Geschichte der marianischen Antiphon

Das Salve Regina ist ein Schrei nach Gott. Es ist kein Praise and Worship, sondern wie Hiobs Ruf in der Dunkelheit. Hermann von Reichenau, auch Hermann der Lahme genannt, gilt traditionell als der Hauptverfasser dieses Meisterwerks. Der Schlussvers („O clemens, o pia, o dulcis virgo„) stammt vermutlich von Bernhard von Clairvaux. Das Salve Regina ist Hermanns Lebenserfahrung. Hermanns Hoffnung hat seinen Grund in der Erlösung, die nur Gott schenken kann. Damit ist mit dem Salve Regina die Antiphon der Hoffnung entstanden. Hermann hatte eine körperliche Behinderung, wahrscheinlich litt er unter einer Form von ALS. Mit sieben Jahren kam er ins Kloster Reichenau: hochintelligent und körperlich eingeschätzt. Er bildete sich in Mathematik, Geschichte und Musik. Meist wurde er an einen Stuhl gefesselt und durfte das Kloster nicht verlassen, sprechen konnte er nur mit Mühe.

Von seinen Mitbrüdern erfuhr Hermann Leid und Ausgrenzung. Einmal, als es regnete, ließ man ihn draußen sitzen. Erst später holte man ihn, durchnässt und krank, wieder ins Kloster. Hermann war der Ungewollte, der Kranke, der Behinderte, der seinen Mitbrüdern Mühe machte und ihnen ständig das Leid vor Augen stellte, das man nicht heilen kann. In diesem Sinne erinnerte er an eine Weisheit Carl Friedrich von Weizsäckers: „Die tiefste Erfahrung von sich selbst, zu der der Mensch in seiner Natur und in der Gesellschaft vordringt, lautet nicht Freiheit, sondern Ohnmacht. Die tiefste Erfahrung vom Gelingen menschlichen Lebens ist nicht eine Erfahrung von eigener Macht, sondern von Gnade. Die tiefste Erfahrung des Menschen ist nicht der Mensch, sondern Gott.“

Hermann vertraute auf Gott, als er das Salve Regina schrieb. Zuerst bringt er sein ganzes Leid zum Ausdruck: „Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas; / zu dir seufzen wir / trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen./“

Und dann, am Ende, nennt er auch seine ganze Hoffnung: „Wohlan denn, unsre Fürsprecherin, / deine barmherzigen Augen / wende uns zu / und nach diesem Elend zeige uns Jesus.“ Hermann zeigt, worauf christlicher Glaube hoffen darf. Die Erfüllung jener Hoffnung ist die größte Freiheit und Freude, die man sich vorstellen kann: Gott zu schauen, von Angesicht zu Angesicht.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

NEUESTE ARTIKEL

Mehr Tradition wagen – Wie die Kirche aus der Selbstzerstörung kommt

Es gibt unzählige Bücher und Bewegungen, die der Kirche sagen wollen, wie und wo es langgeht: "Der...

Eintreten statt austreten: Warum wir alle die katholische Kirche brauchen

"Ich kann auch so an Gott glauben", "Ich brauche keine Kirche", "Die Kirche hat soviel Dreck am...

Leben für die Ewigkeit: Die Mönche von Le Barroux (Video)

Gott ist Mensch geworden. Über dieses Wunder kann man ein ganzes Leben lang meditieren. Wer Mönch wird,...

The Last of Us: Wenn Nietzsche PlayStation spielt

„Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder...

Buchtipp: „Zur Theologie der Eucharistie in der Corona-Krise“

Das neue Buch von Mag. P. Justin Minkowitsch OCist „Wann kann ein menschlicher Repräsentant...

Doctor Angelicus ist exmatrikuliert: Traditionelle vs. moderne Theologie

Moderne Theologie hat zwei Grunddogmen: den "ewigen Dialog" und die "Moderne". Sie hat den Thomismus abgeschafft und...

Meist gelesen

- Advertisement -

Für DichLesenswert
Weitere Artikel