Kompass ohne Norden: Marx‘ „Freiheit“ führt ins Nirgendwo

Kompass ohne Norden: Marx‘ „Freiheit“ führt ins Nirgendwo

Was ist Freiheit? Früher stand sie vor allem für Loslösung und Neuanfang, für die Rechtfertigung von „Sex, Drugs and Rock ’n‘ Roll“. In meiner Generation ist Freiheit zum leeren Begriff geworden. Der Künstler „Prinz Pi“ bringt das in seinem Lied „Kompass ohne Norden“ zum Ausdruck. Er konstatiert die Orientierungslosigkeit unserer Zeit: „Bob Dylan gab mir einst einen Kompass ohne Norden / So treibe ich verloren in ein unbekanntes Morgen.“ Und schon sind wir mitten im Buch „Freiheit“ von Kardinal Marx.

Warum hat Marx ein Buch über Freiheit geschrieben? Er sagt, dass für ihn eine Beobachtung wesentlich war und ihn seit seiner Studienzeit umtreibt, nämlich „dass das neuzeitliche Freiheitspathos und der christliche Freiheitsbegriff auch in Spannung zu sehen sind.“ Daraus ergibt sich für ihn eine grundlegende Frage, der er in seiner Dissertation nachging: ob das „Auseinanderfallen“ von Kirche und Gesellschaft nicht zu negativen Entwicklungen geführt habe. Hier stellen sich einem bereits zwei Fragen: was ist der „christliche Freiheitsbegriff“ und was ist „das neuzeitliche Freiheitspathos“? Eine konkrete Antwort darauf bleibt er schuldig. Wir erfahren nur: Auch später als Bischof bleibt für ihn das Thema Freiheit zentral. Sein Motto als Weihbischof in Paderborn lautete: „Wo aber der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit“ (2. Kor 3, 17).

Leere Freiheit

Marx proklamiert: „Ich möchte ein freier Mensch sein.“ – Schön, möchte man ergänzen, aber was heißt das denn, ein freier Mensch sein – vor allem als Christ? Auch hier schweigt er. Im Anschluss an dieses Diktum folgt stattdessen ein typisch marx’sches Appeasement: Marx lehnt sowohl eine „Anpassung des Glaubens an den Zeitgeist“ ab als auch die Verdammung der „Freiheitsgeschichte der modernen Welt“ – Ja was denn jetzt, fragt man sich? Wo steht Marx? Statt Klartext folgen Phrasen: „Die Kirche selbst muss Inspiration sein für eine verantwortliche Freiheit“ – Was heißt das? Wo will Marx uns hinführen?

Prinz Pi: Kompass ohne Norden

Es ist ja interessant zu lesen, welche Literatur Marx bekannt ist, aber eine Antwort auf die Frage, was Freiheit im christlichen Sinne ist, liefert er nicht. Auffallend ist, wie stark er sich an den Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts orientiert: an Kant, vor allem aber an Hegel. Letzteren adelt er als „großen Aufklärungsphilosophen“, für den Gott und Freiheit kein Gegensatz sei.

Wo aber bleiben die Heiligen? Zu Marx‘ Verteidigung muss man sagen, dass Augustinus und Thomas von Aquin durchaus vorkommen. Aber die „Aufklärungsphilosophen“ scheinen relevanter zu sein. Marx schreibt, „dass die Aufklärung selbst ein Fortschritt ist … gleiches gilt für die Moderne“. Marx steht also für ein liberales Weltbild und eine progressive Geschichtsinterpretation. Wenn er Aufklärung und Moderne grundsätzlich positiv bewertet, wie bewertet er dann die Massenmorde und Kriege der Französischen Revolution – vor allem an Priestern, die im Namen von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ermordet wurden?

Im Vordergrund des Buches stehen Relativismus und Fortschrittsoptimismus. So schreibt Marx, dass die Kirche sich „in der Entwicklung der Dogmen immer auf den Weg gemacht und verändert hat“. Augustinus wird dafür kritisiert, dass es ihm zu sehr um die Rettung der Seele und zu wenig um Weltgestaltung gegangen sei. Dieser Satz ist eine Offenbarung. Und was ist mit Jesus Christus? Jesus kommt irgendwie auch vor – wäre ja auch komisch für einen Kardinal, ihn nicht zu erwähnen. Aber im Ganzen bleibt der Jesus-Bezug phrasenhaft, blass, unkonkret.

Liberalismus statt Tradition

Es gibt zwei Stellen, die klar machen, wohin Marx uns führen will. Die eine ist die Zitation aus den „Brüder Karamasow“ von Dostojewski, die andere eine Gegenüberstellung der katholischen Kirche vor und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

Marx zitiert seitenweise Dostojewski und lässt dabei die Pointe aus. Während Dostojewskis Großinquisitor Marx als Beispiel für klerikale Machtansprüche dient, die im Gegensatz zur Freiheit stünden, zeigt Dostojewski, dass selbst die schlechtesten Vertreter der Kirche noch einen Blick nach oben haben und deshalb selbst in ihren dunkelsten Momenten keine totalitären Monster sein müssen, sondern frei für das Gute sein können. Denn die entscheidende Handlung ist nicht die Verhaftung Christi, mit der Marx endet, sondern seine Freilassung: „[Der Großinquisitor] geht zur Tür, öffnet sie und sagt zu Ihm [Christus]: Geh und komm nicht wieder … Der Gefangene geht.“ – Mit diesem Satz kommt der grundlegende Unterschied zwischen Christentum und totalitären Regimen (wie Kommunismus und Nationalsozialismus) in die Weltliteratur.

Die zweite Stelle ist ebenso stereotyp und feiert die Hermeneutik des Bruchs. Marx stellt die Enzyklika Gregors XVI. „Mirari vos“ (1832) der Erklärung über die Religionsfreiheit „Dignitatis humanae“ (1965) gegenüber und beweint die Rückständigkeit Gregors, der Religions- und Gewissensfreiheit als „pesthaften Irrtum“ brandmarkte. Das Zweite Vatikanische Konzil wird dann zum Wendepunkt der Kirchengeschichte, weil erst seit dem Konzil Gewissens- und Religionsfreiheit gelten würden.

Was Marx hier nicht erwähnt, ist der schreckliche Horror, der seit der Französischen Revolution im Namen der Freiheit begangen wird. Gregor XVI. schrieb in der Enzyklika gegen Revolutionsängste an – wenn auch nicht ohne Polemik – aber er bleibt im Spannungsverhältnis von Freiheit und Wahrheit. Deutlich wird das an jener Stelle, an der er Augustinus zitiert: „Aber was für einen schlimmeren Tod kann es für die Seele geben als die Freiheit des Irrtums?“. Leider erwähnt Marx diese zentrale theologische Frage nicht.

Die theologische Spannung zwischen Freiheit und Wahrheit lässt Marx zugunsten eines Lobpreis-Narratives auf das Zweite Vatikanische Konzil aus. Und das obwohl Marx selbst an anderer Stelle Johannes Paul II. zitiert, der sagt, „es gibt keine Freiheit ohne Wahrheit“ – was übrigens genau die Aussage von „Mirari vos“ ist, wenn man sie ohne die zeittypische Polemik liest. Diese Spannung löste auch das Konzil nicht auf, es verlagerte nur die Freiheitsfrage vom Staat ins Individuum. Es ist nach wie vor so, dass es ein „pesthafter Irrtum“ ist, wenn man sich auf die Gewissensfreiheit beruft, um schlimme Dinge zu tun.

Indem Marx die Kirchengeschichte bis zum Konzil negativ darstellt, sei es durch den Großinquisitor oder Gregor XVI., hat er die Tradition gebannt und die Tore für Fortschritt und Veränderung weit aufgerissen. Wohin also will Marx uns führen? Marx will uns in einen kirchlichen Neuanfang führen, der so unklar und voller Fragezeichen ist, dass er im Nirgendwo enden wird.

Marx macht noch einige Abstecher ins Zeitgeschehen, wie zum synodalen Weg und spricht vom Wert, sich einander offen zuzuhören und dergleichen. Der Duktus ist immer eine Skepsis gegenüber einer festen Wahrheit und stattdessen eine Offenheit für Entwicklung und Änderung – ganz im Sinne der liberalen Grundideologie des Buches.

Was ist Freiheit? Bischof Grech und Jim Caviezel

Was ich begriffen habe: um den Versuchungen zu widerstehen braucht es kein liberales Freiheitskonzept und irgendwie Jesus, sondern klare Antworten. Die sucht man im Buch vergebens. Es steht auch nichts darüber drin, dass die größte Freiheit die Freiheit von der Sünde ist, wie Leo XIII. in der Enzyklika „Libertas“ erklärt.Warum gibt es noch junge Menschen, die ernsthaft glauben? Wegen der Überzeugung, dass der Glaube es wert ist, alles dafür in die Waagschale zu werfen. Dazu kann ich mich leider nicht an Marx orientieren. Marx‘ „Freiheit“ relativiert den Anspruch der Kirche und führt mich ins Nirgendwo.

Ich muss mich an anderen orientieren. Gerne orientiere ich mich am Impuls von Bischof Joe Grech auf dem Weltjugendtag von Sydney oder am Zeugnis von Jesus-Darsteller Jim Caviezel auf der FOCUS-Konferenz 2018. Um Verstorbenen die Ehre zu erweisen sei an dieser Stelle Bischof Grech zitiert, der die Orientierung und Führung gibt, die ich mir von Marx gewünscht hätte: „Freiheit heißt, zu tun, was richtig und gerecht ist. Wahre Freiheit heißt, zu denken wie Jesus, zu fühlen wie Jesus, zu lieben wie Jesus, zu handeln wie Jesus. Wahre Freiheit heißt wie Jesus zu sein.“

Jim Caviezel auf der FOCUS-Konferenz 2018

Kardinal Marx, Freiheit, Kösel-Verlag München 3. Auflage 2020, 176 Seiten.

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