Montag, 15. Juli 2024

„Ich fühle, also bin ich“ – Gendertheorie ist Gefühlsethik

Vernunft ist von gestern. Heute zählen nonkognitive Ansätze, die sich auf das Gefühl berufen. Das gefühlte Ich wird zur Quelle und zum Ziel aller menschlichen Bestrebungen. Es gibt eine Wende in der Ethik, in der Bedürfnisse, Emotionen und Sensibilität im Zentrum stehen.

Ich Anfang war Kant – so beginnt die Ethik der Moderne. Naturrecht und inhaltliche Gebote wurden durch die autonome Vernunft ersetzt. Doch Kants Ethik hat das Problem der Motivation. Vernunft allein motiviert nicht. Will sie ja auch nicht, sie will letztlich einfach um ihrer selbst, aus Einsichtigkeit gelten: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ So eine Formel des kategorischen Imperativs. Doch das reicht nicht aus. Das animal rationale ist eben auch ein animal emotionale, ein fühlendes, sich als Subjekt mit Eigenheiten und Empfindlichkeiten wahrnehmendes Wesen. Das, was den konkreten Menschen meist antreibt ist nicht die Vernunft, sondern das Gefühl oder alles, was ihn individuell macht. Das gilt umso mehr, weil am Ende der postchristlichen Vernunft nicht die Glückseligkeit im Himmel folgt, sondern das Verwesen ins Nichts. Vernunft im postchristlichen Zeitalter taugt bestenfalls für Kalkulation und Pragmatismus.

Gefühle haben den Vorteil, dass sie motivieren können – selbst dann wenn wir metaphysisch obdachlos ist. Gefühle ermöglichen das Martyrium fürs Ich. Autonome Vernunft kann da nicht mithalten. Wer will sein Leben schon für Kants „Kritik der reinen Vernunft“ aufs Spiel setzen? Liebeskummer rührt zu Tränen, Kant führt zur Langeweile.

Mit Kant begann der Weg zur Subjektivität. Er begann mit der Leugnung der Erkennbarkeit Gottes. Unsere Erkenntnis gelangt nach Kant nicht zum „Ding an sich“, aber zu etwas, was auf wir uns alle einigen können, weil wir nach Kant alle dieselben Grenzen der Erkennbarkeit haben. Damals war Subjektivität noch „objektiv“. Was nun geschieht, ist der Weg hin zur individuellen Subjektivität. Die neue Ethik ist nicht mehr allgemeingültig, nicht an allgemeingültigen, erkennbaren Massstäben orientiert, sondern an individuellen Bedürfnissen und an Gefühlen, die den Kern der Identität ausmachen sollen. Damit ist ein neues Zeitalter angebrochen, das der Philosoph Charles Taylor „Age of Authenticity“ nennt. In diesem Zeitalter geht es darum, dasjenige, was einen zutiefst ausmacht, was man innerlich herbeisehnt, auch umzusetzen. Als Leitspruch dieser Strömung kann Walt Disneys Satz gelten: „If you can dream it, you can do it.“ Das ist gleichzeitig auch das perfekte Credo für Phänomene wie Gender, neue Lebensmodelle und Identitäten. Es geht nicht um vorgegebene biologische oder kulturelle Elemente, sondern um das, was aus den wahrgenommenen „Gefühlen des Selbst“ als tiefste Identität hervorsteigt. Das kann grundsätzlich alles sein. Kritik daran wird deshalb so hart und mit Phobie-Vorwürfen aller Couleur betitelt, weil diese als Eingriffe in die Individualität und damit in das Selbst und die Menschenwürde des anderen gelten, die man nicht antasten darf.

Traditionelle Ethik, vor allem die christliche, geht nicht von persönlichen Empfindungen aus, sondern behauptet, dass es eine feststehende Ordnung des Seins und Sollens gibt, die mittels Vernunft und Offenbarung erkannt werden kann. Diese gelte es als Gottes Ordnung anzuerkennen. Wenn man unter dieser Ordnung „leidet“, wird die Erbsünde und die „zum Bösen geneigte Natur“ des Menschen thematisiert. Diese Ordnung hat ihre Einsichtigkeit und Anhängerschaft weitgehend verloren, weil es in der Moderne Zweifel gibt, ob so eine Ordnung überhaupt besteht und erkannt werden kann. Heute richtet sich die Kritik vor allem auf die Praxis: eine vorgegebene Ordnung werde dem konkreten Leben des Menschen nicht immer gerecht. Oder anders gesagt: Traditionelle Ethik setzt Gott voraus und ein Ziel: den Himmel, nicht das „Glück“ auf Erden.

Der heutige Mensch will sich nicht einer Ordnung unterwerfen, sondern erst finden, was „richtig“ für ihn sei, was ihn hier und jetzt „glücklich macht“. Der Vorteil der traditionellen Ethik liegt auf der Hand: Es gibt klare, inhaltliche und objektive Maßstäbe. Das Recht und das Sollen sind allgemeingültig. Das gibt Sicherheit und Stabilität. Wenn Ethik auf Gefühlen basiert, ist sie nicht kognitiv entscheidbar und erkennbar. So genannter ethischer Nonkognitivismus kann zwar die Wahrnehmung des eigenen Gefühls, aber keine Wahrheit über allgemeingültige Inhalte treffen. Im Grunde genommen ist dann alles möglich, da grundsätzlich alles gefühlt werden kann. Es geht dann um Bedürfnisse, Emotionen, Sensibilitäten.

Wie sehr der Wandel hin zu Gefühl und Bedürfnis heute entscheidend ist, erleben wir in der ganzen Werbeindustrie. Selbstverwirklichung gilt als höchstes Gut; um sich selbst verwirklichen zu können, wird in sich hineingefühlt und von außen werden durch die Werbeindustrie Bedürfnisse geweckt. Was erlöst ist nicht mehr das Heilshandeln eines äußeren Gottes, sondern die Realisierung des Selbstgefühls. So lässt sich auch die starke Sexualfokussierung und -kommerzialisierung der heutigen Zeit erklären: Eins der stärksten menschlichen Bedürfnisse wird nicht um ein biologisches Ziels willen, d.h. Fortpflanzung, sondern um die damit verbundenen Lustgefühle betrieben.

Beim Thema Gender liegt es auf der Hand, dass Biologie kein Maßstab sein kann. Denn Gender – das so genannte „soziale Geschlecht“, ist in Wirklichkeit das „gefühlte Geschlecht“. Nur die inneren Quellen des Gefühls, der Selbstwahrnehmung oder Selbstidentität bestimmen dabei das Geschlecht. Wer man ist, bestimmt man selbst durch sein Gefühl. Das geht sogar so weit, dass biologische Geschlechter ganz geleugnet werden.

Gibt es bei all dem noch allgemeingültige Maßstäbe? Kann man außer in der Selbsterlösung noch Befreiung finden? Das scheint nicht möglich. Das Ziel scheint nur das Selbst zu sein. Das Ich wird nicht mehr wie bei Martin Buber durch das Du zum Ich, sondern durch sich zum selbstverwirklichten Ich. Das selbstverwirklichte optimierte Ich ist die Religion der Gegenwart.

1 Kommentar

  1. Liebes Team von Cathwalk,
    Ihr liefert eine treffende Situationsbeschreibung. Wo bleibt die argumentative Widerlegung? Wünschenswert für Neugierige und Interessierte ist bei dieser Gemengelage eine verständliche Darlegung der Hierarchie der Erkenntnis: von der Sinnesempfindung über Gefühl, Gedanke, Tatsache bis zur Wahrheit.
    Für Eurer Engagement weiterhin Kreativität und viel Kraft.

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