Unser König ist Christus

Unser König ist Christus

Von Thorsten Paprotny

Wurden Sie als Kind auch manchmal gefragt: „Was möchtest du einmal werden?“ Sie erinnern sich bestimmt an die freundlichen, erwartungsvollen Blicke von Ihren Verwandten, Bekannten oder Freunden. Ich denke heute noch manchmal an mein eigenes Zögern, auf diese Frage zu antworten. Vielleicht hätte ich weniger exotische Fächer studiert – so schön Orchideen auch sein mögen –, wenn ich eine präzise, weltkluge Antwort auf diese Frage gekannt hätte.

Sehr viele Jahre später lehrte ich Philosophie an einer Universität. Dort begegnete ich einem Wissenschaftstheoretiker, ein bekennender, stolzer Atheist und international renommierter Gelehrter. Ich war damals auch nicht mehr so jung, wie ich mich noch immer von innen her fühlte. Er schwärmte mir von den Karrieren anderer Philosophen vor, lobte den Ehrgeiz und pries die Selbstverwirklichung. Auch sprach er von Macht, Geltung und Einfluss: „Oder wollen Sie nicht erfolgreich sein?“

Vielleicht kennen Sie Ansprachen wie diese. Es sind Prunkreden, aber mir war nicht feierlich zumute. Mir war das so egal. Ich wollte nicht mehr in diesem Zimmer sein und mir das anhören müssen. Auch blieb ich ratlos. Möglicherweise bedankte ich mich höflich für das Gespräch. Ich weiß es nicht mehr. Aber ich wusste, dass ich vor Herren wie diesen weder in der Schule noch an der Universität noch im Berufsleben meine Knie beugen würde. Seine Ziele waren nicht meine Ziele. Vor mehr als 10 Jahren dachte ich an die Frage zurück: „Was möchtest du einmal werden?“ Diese Frage hatte mich als Kind sprachlos gemacht und auch verunsichert. Ich wollte ja nicht Leistungssportler, Lastwagenfahrer oder Lokomotivführer werden.

Eigentlich wollte ich überhaupt nichts leisten und auch nichts Besonderes leisten müssen. Ich wusste also, was ich nicht wollte, immerhin – aber ich wusste nicht, was ich werden wollte. Sicherlich hatte ich Vorbilder, verehrte nicht nur Heilige, Musiker oder Dichter. Natürlich bewunderte ich die Fußballkunst von Franz Beckenbauer. Beeindruckt hat mich auch, als er einmal von einem Reporter gefragt wurde, welche Ziele er noch habe, markant und prägnant antwortete: „Ich habe keine Ziele mehr.“ Er machte einfach weiter, aus Liebe zum Spiel. Stimmt, dachte ich, damals und später, auch ich habe keine Ziele mehr – jedenfalls nicht die Ziele, die mir die Herren dieser Welt vorgeben möchten. Ich möchte nichts anstreben und nichts werden, aber ich glaubte und glaube bis heute: Ich muss nicht erst noch Etwas oder Jemand werden, denn ich darf schon sein.

Besonders gern war ich darum in der Kirche. Da war es nicht laut, da gab es keine Gruppenarbeit. Niemand forderte mündliche Beteiligung ein. Ich mochte die Kirche sehr. Das war unter Katholiken schon in der Nachkonzilszeit nicht mehr üblich. Ich mochte den Papst. Das war unter modernen Katholiken unvorstellbar. Ich ging gern zur heiligen Messe, nicht weil ich musste, sondern weil ich durfte. Das war sehr vielen aufgeklärten Christenmenschen sogar vollkommen unverständlich. Etliche Katholiken begannen damals, sich zu rechtfertigen oder zu entschuldigen, dass sie noch immer nicht aus der Kirche ausgetreten sind. Einige kannten die Bücher von Uta Ranke-Heinemann, Karlheinz Deschner, Hans Küng und Eugen Drewermann besser als den Katechismus. Viele hatten ihre eigenen Königinnen und Könige gesucht und gefunden – und sie folgten in trotzigem Gehorsam den Lehrmeinungen dieser Welt. Sie huldigten ihren eigenen Propheten, so wie heute. Ob sie wissen, was sie tun? Ich weiß es nicht.

Die Weisen aus dem Morgenland hätten auch Herodes oder dem römischen Kaiser ihre Gaben bringen können. Aber sie suchten nicht einen mächtigen Menschen, sondern Gott. Darum zogen sie bis nach Bethlehem. Nach wem suchen wir? Welchem König huldigen wir? Wenn Christus unser König ist, dann ist unser Königsweg genau der Weg unseres Königs – der Weg der Nachfolge in den Spuren des Herrn. Dieser Weg ist nicht einfach, sondern ein Kreuzweg.

Eine schöne Predigt zum Christkönigssonntag von Pater Engelbert Recktenwald möchte ich Ihnen gern ans Herz legen. Wenn ich heute gefragt würde: „Was möchtest du einmal werden?“, so würde ich hoffentlich den Mut haben zu antworten: „Der heilige Paulus sagt: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn – ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn. Im Haus des Herrn möchte ich zu Hause sein, im Leben und im Sterben. Ich bin gekommen, um zu bleiben – wenn ich darf.“

Jan van Eyck, Public domain, via Wikimedia Commons

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