KulturRezension: "Leo XIII. Papst und Staatsmann"

Rezension: „Leo XIII. Papst und Staatsmann“

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Rezension: „Leo XIII. Papst und Staatsmann“

Vor zwei Jahren erschien vom Kirchenhistoriker Jörg Ernesti eine 400 Seiten umfassende Biographie über den letzten Papst des 19. Jahrhunderts: Leo XIII. Ernestis Biographie ist das umfangreichste deutschsprachige Werk über den Pecci-Papst. Die Cathwalk-Rezension spricht eine klare Kauf-Empfehlung aus.

Wer war Leo XIII.? Es finden sich immer wieder Stimmen, die in Leo einen „modernen Papst“ sehen wollen. So schreibt Kardinal Marx in seinem Geleitwort, Leo hätte sich dazu entschieden, dem „Anschluss an die gesellschaftliche und politische Moderne [zu] suchen“. Joseph Schmidlin resümierte sogar: „So sehr Leo XIII. in dogmatischen und religiösen Dingen ihre [Gregors XVI. und Pius IX.] Erbschaft antrat und ihre Tradition ritterlich verfocht, hat er doch als echt moderner Papst allem guten in der menschlichen Zivilisation den Ölzweig dargereicht und ihre Vorzüge seiner Institution einverleibt: sowohl in der Politik gegenüber den Staaten und in seiner sozialen Aktion für die Volksmassen als auch hinsichtlich der geistigen und kulturellen Kräfte und Strömungen.

Unter „modern“ gilt allgemein die Akzeptanz der Menschenrechte und der Gesellschaftsordnung der Französischen Revolution. Was das angeht, war Leo antimodern. Politisch aber war Leo pragmatisch und räumte Zugeständnisse ein – nie mehr als nötig. Im Kern ging es nämlich, wie Schmidlin selbst schrieb, um die „Rückeroberung“ der modernen Welt in den Herrschaftsbereich des Papstes, nicht jedoch um die Akzeptanz der Moderne. Leo XIII. war ein antimoderner Pragmatiker, der politisch viel tolerieren konnte, wenn es um das Wohl der Kirche ging. Sehr gut bringt das der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf auf den Punkt:

„Leos XIII. Politik war von Pragmatismus geprägt. Er war kein Liberaler, reagierte aber politisch flexibel auf die ‚Anmaßungen der neuen Zeit‘. Die Öffnung der Kirche auf die Welt hin war bei Leo XIII. weitgehend pragmatisch bedingt, weshalb eine grundsätzliche Versöhnung von Kirche und Welt weder angestrebt war noch gelingen konnte.“ (Wolf, Katholische Kirchengeschichte, S. 152f.)

Ernestis Biographie ist deswegen empfehlenswert, weil sie schmeichelhafte Apologien vermeidet und stattdessen den Papst so beschreiben will, wie er war und nicht, wie es zeitgemäße Wünsche und Weltbilder verlangen.

Die Diplomatie Leos ging oft bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus. Dafür wurde der Papst nicht selten kritisiert, auch von Kardinälen wie Gaetano Aloisi Masella. Gleichzeitig war er aber theologisch klar auf einer antimodernistischen Linie: „Immer wieder wandte er sich in seinen Enzykliken und Ansprachen gegen den Rationalismus, die Philosophie der Aufklärung. In diesem falschen Denken erblickte er die tiefste Wurzel aller gesellschaftlichen Übel.“ (Ernesti, S. 268). Leo wollte die Scholastik wieder neu auf den Thron heben und verfasste dazu die Enzyklika „Aeterni Patris“ (1879).

Was wollte Leo XIII. im Verhältnis zwischen Staat und Kirche erreichen? Ernesti schreibt, es ginge um „das Idealbild eines förderlichen Zusammenspiels“ (cohabitation bénéfique). Er wollte verhindern, dass Religion und Kirche in liberalen Staaten zur Privatsache degradiert werden.

Pragmatisch in der Politik, traditionell in der Theologie, so war Leo XIII. und Ernesti arbeitet das hervorragend heraus.

Das Buch kann hier bestellt werden: https://www.st-stephani-verlag.de/

Literatur:

Ernesti, Jörg, Leo XIII. Papst und Staatsmann, Freiburg i.B. 2019 (hier verwendet: wbg-Ausgabe).

Schmidlin, Joseph, Papstgeschichte der neuesten Zeit, Band 2: Papsttum und Päpste gegenüber den modernen Strömungen. Pius IX. und Leo XIII. (1846-1903), München 1934. 

Wolf, Hubert, Katholische Kirchengeschichte im „langen“ 19. Jahrhundert von 1789 bis 1918, in: Wolf, Hubert. (Hg.) Von der Französischen Revolution bis 1989 (Ökumenische Kirchengeschichte Bd. 3), Darmstadt 2007, S. 91-177. 

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