Neue Auflage: Lepanto Almanach – Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte

Neue Auflage: Lepanto Almanach – Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte

Das bewährte Lepanto-Almanach ist in einer neuen Auflage erschienen und erweist sich als ein intellektueller Fels in der Brandung des Zeitgeistes. Die Folgen der Corona-Pandemie und ihre Folgen für das politische Denken und die politische Praxis sind dabei in expliziten, jedoch auch intellektuell feinsubtilen Noten berücksichtigt.

Die Herausgeber Michael Rieger, Till Kinzel und Christoph Fackelmann diagnostizieren eine Mentalität der Gegenwart, die für den Wert und die Würde tiefgründiger intellektueller Analyse, basierend auf einer profunden Nutzung des Mediums Sprache, kaum mehr Verständnis hat. Das Zeitalter der Dekonstruktion führt zu einem enormen geistigen Substanzverlust und zu einer brutalen Entwertung von Traditionen und geistigen Überlieferungen; der Historismus zerstört den Glauben an den Wert kulturelle Genese ebenso wie den Offenbarungsglauben, basierend auf den unumstößlichen Überlieferungen der Schrift. Die Absicht des Almanachs, so die Herausgeber, ist es, der beschämenden Vernachlässigung der literarischen Interpretation aus einem christlichen Erkenntnishorizont entgegenzuwirken.

Kritik am bedingungslosen politischen Verfügungswunsch über das Leben

Die Aktualität des Bandes macht diesen besonders attraktiv. Anhand der Corona-Krise wird gezeigt, dass eine entchristlichte Gesellschaft zunehmend von nihilistischen Einstellungen penetriert wird. Hatte Albert Camus auf die „metaphysische Revolte“ im Rahmen des Theodizeeproblems hingewiesen, so schreiten wir auf dem Wege in ungöttliches Denken immer weiter: … „ die Flucht in jenen Selbstbetrug nämlich, der das Leiden und den Tod im Verfügen über die Materie glaubt aus der Welt schaffen zu können“ (S. 12). Mit Bezug auf Romano Guardinis zentrale Kulturkritik an der exzessiven Mechanisierung und Technisierung der Gesellschaft in seinem Werk „Das Ende der Neuzeit“ aus dem Jahre 1950 diagnostizieren sie eine Art realistischer Dystopie, die nicht auf einer Verschwörung beruht, sondern auf einer weit verbreiteten naturalistisch motivierten Technikgläubigkeit, die im Transhumanismus und der Idee eines „Great Reset“ ihre philosophische und praktische Fortentwicklung erfährt. Der Glaube, jenseits vernünftiger Umweltschutzmaßnahmen das gesamte Weltklima steuern zu wollen, passt in diese Orgie der naturalistischen Anmaßung.

Konservativ sein ist zwangsläufig eine Minderheitenposition

Christoph Böhr ist ein sehr erhellender Beitrag über den Konservativismus gelungen. In einer neunschrittigen Gliederung verweist er auf die notwendige Minderheitenposition dieses Denkansatzes. Der Konservative, so Böhr, misstraut dem Marketing des Neuen, hinterfragt es und setzt es unter Rechtfertigungsdruck. Die Suche nach Ordnung, die dem konservativen Denken innewohnt, ist nicht gleichbedeutend mit einer krampfhaften Konservierung einer Ordnung, die sich aufgrund äußerlicher Prozesse überholt hat. Im Grunde ist der Konservative ein Anti-Populist, der seine Sache nicht krampfhaft zu verkaufen sucht. Er erträgt aufgrund der Tiefe seiner Überzeugungen das Gespött einer oberflächlichen Mehrheitsgesellschaft. Böhr meint, dass der Konservative den wissenschaftlichen Versuchen der Verfügbarmachung des Lebens mit aller Kraft widersteht, sei dies in Bezug auf Verheißungen der Gen- oder Biotechnologie oder anderer wissenschaftlicher Fortschrittsbehauptungen. Der Konservative gibt das aei on nicht auf.

Moralistik statt Moralismus

Till Kinzel kritisiert den Moralismus im Zeitgeist der Gegenwart. Die vom Naturrecht entkoppelte Moral würde als Instrument emotionalen Drucks und der Durchsetzung politischer Zwecke eingesetzt: „Solche Erpressung mit den Mitteln moralisierender Sprache dient aber dazu, bestehende innere Widerstände zu schwächen. Widerstände, die sich z. B. gegen die kulturelle Selbstaufgabe, gegen die Zerstörung traditioneller Vorstellungen von Menschenwürde oder gegen die „große Transformation“ richten, an deren Ende – das Ende der abendländischen Freiheit stünde“ (S. 361). In seiner kurzen, aber präzisen Darstellung greift Kinzel auf den Begriff der Moralistik zurück und rekurriert dabei auf einem aktuellen Werk Robert Zimmers mit dem Titel Weltklugheit – Die Tradition der europäischen Moralistik. Dieser Ausdruck unterscheidet sich fundamental vom Moralismus statt Moralismus und Moralisierung. Nach Arnold Gehlen verlangt der Moralismus hohe Maßstäbe von Anderen, während die Moralistik Ansprüche an sich selber formuliert und eine Art Leitfaden für Krisenzeiten darstellt. Ein hoch interessanter Gedanke in diesen Zeiten! Gerade die Demaskierung der Mechanismen als erpresserisches Mittel einzusetzen, ist die Stärke des Ansatzes der Moralistik, die sicher anschlussfähig ist an die Arbeiten des großen Schweizer Philosophen Hermann Lübbe, der eine ähnliche Perspektive bereits Ende der achtziger Jahre mit dem Buch Politischer Moralismus – Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraftden beginnenden Ökomoralismus dieser Zeit kritisiert hatte. 

Brillante Sprache, aber manchmal fast zu anspruchsvoll

Das Almanach verweist auf die anhaltende Bedeutung großer Denker wie Romano Guardini, Hans Urs von Balthasar oder Josef Pieper.

Die Kernbotschaft, die implizit in diesem wichtigen, gehaltvollen Almanach zu finden ist, lautet: Der nicht gläubige, jeder transzendentalen Hoffnung bare Mensch hängt am Hier und Jetzt und ist für eine politische Manipulation, die mit dem Faktor Angst steuert, besonders empfänglich. Es geht in dem Almanach nicht um das verdeckte Repräsentieren irgendwelcher Verschwörungstheorien, sondern um eine Klarstellung bedenklicher Mentalitäten in einer durch die Postmoderne moralentkernten und den Wellen der Beliebigkeit ausgesetzten Gesellschaft. Der Leser muss über eine ausgeprägte hermeneutische Fähigkeit verfügen, um sämtliche Essenzen des Werks entbergen zu können. Wenn ihm dies gelingt, ist er allerdings um zahlreiche Einsichten reicher. Aber auch für den, der nicht jede Anspielung versteht, wird ein Weg zu der Erkenntnis geöffnet, dass das meist Beklatschte nicht immer das Beste sein muss.

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