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Replik zu Wilhelm Arendt

Die Heiligen verpflichten uns zur Einheit!

Ein persönliches Glaubenszeugnis von Dr. Markus Büning

„Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über!“ (vgl. Mt 12,34). Wenn mich ein Thema in der Kirche seit Kindertagen wirklich interessiert hat, dann sind es die Heiligen. Schon als Kind habe ich es geliebt, wenn mir meine Großeltern mit tiefer Inbrunst von einigen Heiligen erzählten. Recht früh habe ich angefangen, mir einige Sammelbände über Heilige von meinem Taschengeld zu kaufen oder mir schenken zu lassen. Ich erinnere mich noch daran, dass es der Buchhändlerin meines Heimatortes ein Rätsel war, wieso ein Jugendlicher immer wieder solche Bücher bestellte. So äußerte sich diese Dame ein wenig verwundert einmal gegenüber meinem Vater in einem Gespräch. Es erschien mir großartig zu sehen, wie unterschiedlich und heldenhaft Menschen durch den Lauf der Kirchengeschichte es verstanden haben, ihr Leben ganz Gott zu schenken. Dies taten sie trotz aller Hindernisse, Schwierigkeiten und Belastungen, die auch sie in ihrem Leben ertragen mussten.

Die Vorläufer Christi mit Heiligen und Märtyrern, Fra Angelico (1423-24)

Doch dann kamen die ersten schlimmen Erfahrungen mit der Kirche: Ich musste früh lernen, dass es in dieser Kirche tiefe Grabenkämpfe gibt. Als Messdiener in den siebziger Jahren spürte ich dies vor allem auf dem Gebiet der Liturgie. Es war schrecklich mit ansehen zu müssen, wie manch ein reformeifernder Priester unseren Küster geradezu lächerlich machte, weil er in tiefer Frömmigkeit an bestimmten Formen festhalten wollte, die das Konzil mit seiner Liturgiereform auch gar nicht beseitigt hatte. Hier kam es mitunter zu einem regelrechten Bildersturm! Dann nahm ich wahr, dass als Gegenbewegung die Traditionalisten kamen. Eigentlich doch nette Leute. Mein Kunstlehrer war auch dabei, mein Vater liebäugelte damit, aber wohl eher aus oberflächlichen Nostalgiegründen. Schließlich konnte er sich dann doch ganz gut mit der Liturgiereform arrangiern. Für mich war die neu geordnete Liturgie nie ein Problem, wenn sie denn nur würdig und ordentlich gefeiert wurde. Leider ist dies in den letzten Jahren nicht viel besser geworden. Der flächendeckend verbreitete liturgische Missbrauch stellt eine große Wunde am mystischen Leib Christi dar.

Auch im persönlichen Bereich musste ich erleben, wie brüchig die Kirche in ihrem Inneren war und immer noch ist. Die Erfahrung eines sexuellen Missbrauches durch einen Priester in meinen Jugendjahren war bisher sicher die schlimmste Kirchenerfahrung meines Lebens. Und dennoch wollte ich als junger Mann Priester werden. Die Motive waren vielschichtig und auch sicher nicht alle ganz lauter. Hier mischte sich dann auch meine Schwäche darunter. Die Jahre des Theologiestudiums in Münster habe ich weitgehend schlecht in Erinnerung. Auch im Seminar gab es dann wieder die ideologischen Grabenkämpfe zwischen Konservativen und Progressiven. Das Studieren an der Fakultät war aus heutiger Sicht eine Zumutung. Fast alle Professoren standen in polemischer Opposition gegenüber dem damaligen Statthalter Jesu Christi, Papst Johannes Paul II., der ja schließlich auch ein Heiliger ist. Auch ich selbst habe in dieser Zeit mit falschem Eifer und mitunter unreifem Verhalten vieles falsch gemacht. Schließlich hatte ich nach meinem Theologiestudium und dem anschließenden Noviziat in einem Orden die Nase von der römischen Kirche endgültig voll. Nach langem Ringen verließ ich dann während meines Jurastudiums für 12 Jahre die katholische Kirche und schloss mich damals der Evangelischen Landeskirche von Westfalen an. Als ich diesen Schritt tat, war die Erinnerung an die Heiligenbiografien, die ich in meiner Kinder- und Jugendzeit gehört bzw. gelesen hatte, nahezu erloschen. Das Dunkel der schlechten Kirchenerfahrungen und meines sündigen Versagens haben dieses Licht aus meinem Leben verschwinden lassen.

Und nun kam das ganz Unerwartete, der Gnadenmoment meines Lebens: Ein evangelischer Pfarrer war es, der das Licht der Heiligen wieder neu in meinem Herzen entzündete! Ja, Sie haben richtig gelesen, ein evangelischer Pfarrer. Seine Pfarrkirche hatte noch aus vorreformatorischer Zeit das Patrozinium „St. Ulrich von Augsburg“. Im alten Tabernakel der wunderschönen mittelalterlichen Dorfkirche bewahrte er einen Schatz auf, den er mir nach einiger Zeit des sich gegenseitigen Kennens zeigte: Eine große Knochenreliquie des Hl. Ulrich von Augsburg, den dieser Pfarrer von Bischof Josef Stimpfle, einem Nachfolger des Hl. Ulrich, erbeten und dann auch erhalten hat. Dieser Pfarrer machte mich auf das Buch von Walter Nigg über die Heiligen1 aufmerksam, welches inzwischen zu meinen wichtigsten Büchern gehört. Auf einmal waren sie wieder da, die Heiligen! Und nun nahm die Sache eine ganz neue Dynamik an. Je mehr ich mich mit ihnen beschäftigte, umso mehr merkte ich, dass mein Schritt des Kirchenaustritts der falsche war. Wenn man so will: Ihre Anziehungskraft hat mich wieder zurück zur Mutter Kirche gebracht, ja, noch viel mehr: Ihr Vorbild hat mir gezeigt, dass man mit den Schwächen der Kirche und mit seinen eigenen Fehlern anders umgehen muss, als ich es bisher getan habe. Die Heiligen bewirkten meine innere Umkehr, ja meine Bekehrung! Das ist der Grund, wieso ich seit einigen Jahren fortwährend über die Heiligen, die mir besonders am Herzen liegen, schreibe. Letztlich ist dies meine Art und Weise, diesen himmlischen Fürsprechern zu danken.

Mir ist bei der Beschreibung der Heiligen eines ganz wichtig: Wir müssen aufhören, diese Menschen als „abgehobene Gipsfiguren“ darzustellen. Nein, die Heiligen waren und sind Menschen aus Fleisch und Blut. Bis auf die Gottesmutter Maria litten auf Erden alle Heiligen unter den Folgen dessen, was wir in der Theologie mit dem schwierigen Begriff der Erbsünde bezeichnen. Jeder Heilige stand während seines Erdenlebens, genauso wie wir, in diesem Kampf der Entscheidung für das Gute oder für das Böse. Auch die Heiligen litten unter Charakterschwächen und Begrenztheiten. Mitunter waren sie uneinsichtig und sogar besserwisserisch. Manch einer neigte zu Polemik und ließ es an Liebe fehlen. Aber irgendwann kam im Leben dieser Menschen der Punkt, an dem sie so sehr von sich absehen konnten, dass das Licht Jesu Christi durch sie hindurch scheinen konnte. Wir nennen das Umkehr durch das Gnadenhandeln Gottes. Gerade die großen Bekehrungsgestalten Paulus und Augustinus zeigen uns dies in der ganzen Radikalität. Ich glaube nicht, dass einer dieser beiden Herren es mit so einer Vita schaffen könnte, in eine kirchliche Berufslaufbahn der deutschen Diözesen zu gelangen. Glauben wir noch heute daran, dass Gott aus Sündern Heilige macht?

Die Heiligen zeigen uns, dass Gott auf ihnen den cantus firmus seiner Gnadenwahl als wunderbare Melodie durch alle Zeiten hindurch erklingen lässt. Der Herr der Geschichte heiligt durch sie alle Zeiten bis zu dem Tag, an dem ER wiederkommen wird und uns hoffentlich alle einlädt zum Hochzeitsmahl ewiger Freude. Schließlich wollen die Heiligen uns durch ihre Fürsprache bei Gott auf unserem Pilgerweg begleiten. Mögen sie uns auch helfen, eine Ökumene zu leben, die uns alle wieder unter dem einen Dach der Catholica zusammenführt!

1 Walter Nigg, Große Heilige, Zürich 1993 (Neuauflage!).

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4 Kommentare

  1. Monika Espe 20. Januar 2018

    Der Artikel ist toll, unglaublich persönlich und daher überzeugend. Meine Kindheit verbrachte ich in den 70ern und 80ern in Oberbayern. Zum Glück war ich umgeben von Rokokokirchen, in denen sich die Heiligen nur so tummelten. Sie waren meine Freunde. Meine Oma und meine Mutter erzählten mir viel, aus dem Leben dieser Gottsucher. Ganz einfach und ganz natürlich, als wäre es das Normalste der Welt. Dann hatten wir einen alten Priester, der in sehr einfacher Sprache und ganz natürlich über die großen Gestalten sprach. Es waren nicht viele Worte, aber mit wenigen Worten sagte er viel aus. In der Tiefe meines kindlichen Herzens verstand ich, dass diese Menschen weder perfekt noch ohne Schwächen waren und das auch gar nicht deren Thema war. Sie waren von der Liebe Gottes getroffen und berührt worden. Wer so etwas persönlich erlebt, will diese Liebe erwidern. Das wollte ich den Heiligen nachmachen und beschloss dies schon als Kind. Nicht perfekt sein zu müssen und trotzdem heilig werden zu können – eine geniale Perspektive. Gegen die progressiven und oft aggressiven Aversionen einiger Katholiken der Heiligenverehrung gegenüber war ich offensichtlich von Gott her immun. Es bleibt also spannen.

    • Josef Broszeit 20. Januar 2018

      Ich freue mich über Ihr Zeugnis in Ihrem Kommentar. Ich empfehle Ihnen übrigens die bislang 8 Bände umfassende Reihe „Die neuen Heiligen der katholischen Kirche“ von Ferdinand Holböck bzw. Stefan Wirth zu lesen. Sie befassen sich mit den von Johannes Paul II. bzw. Benedikt XVI. selig- und heilig gesprochenen Menschen. Ich habe sie mit großem geistlichen Gewinn gelesen. Die ersten Bände sind m.W. derzeit nur antiquarisch zu beschaffen.

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