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Narrenschiff nach Nirgendwo: Die Serie Stromberg (Teil 1)

In der ProSieben-Serie „Stromberg“ geht es um Bernd Stromberg, den zynischen stellvertretenden Abteilungsleiter in der Schadensregulierung und seine Kollegen. Die fiktive Versicherung „Capitol“ dient als Bürobühne. Dort hat Stromberg einige Mitarbeiter unter sich, die mal als tragische, mal als naive, mal als komische Personen auffallen. Immer jedoch offenbaren sie ihr Menschsein im Alltäglichen.

Bild: webandi / pixabay.com

Der kanadische Philosoph Charles Taylor sieht in seinem Buch „A Secular Age“ – ein säkulares Zeitalter – durch die Säkularisierung viele eigentlich christliche Werte, wie die Menschenrechte, erst verwirklicht und begreift die Zeit daher nicht als „Abfall“ von der eigentlich christlichen Gesellschaft. Auf der anderen Seite macht er in Vorlesungen darauf aufmerksam, dass ein rein positivistisch-humanistisches Menschenbild dazu führen kann, den Erwartungen nicht gerecht zu werden, wodurch letztlich Erwartung in Verachtung umschlagen könne. Zynismus verhindere zwar die Enttäuschungen, beinhalte aber die Gefahr, keine hinreichende Moral hervorzubringen. Die Serie Stromberg ist genau das: Tanz zum Takt des Zynismus.

Strombergs Zynismus

In der Serie sagt Stromberg über sich: „Mein Humor ist demokratisch, der geht gegen alle gleich.“ Seine Mitarbeiter bezeichnet er im Trailer zum Kinofilm gerne mal als „sowas“. Das äußert er im tragikomischen und zynischem Unterton. Er bezeichnet sie gelegentlich als „tragische Gestalten“ und bringt Sprüche wie: „GOTT!… der hier mit der Brille – naja, mit dem, was der in der Birne hat, können auch 10 Leute in der Sonderschule sitzenbleiben.“

Auf die Frage, ob er ein guter Chef sei, entgegnet Stromberg: „Hätte die Ratte einen buschigen Schwanz, wär sie ein Eichhörnchen. Die Ratte weiß, der Käse liegt in der Falle und die gilt es zu vermeiden und das kann ich, und deshalb bin ich eine Spitzenratte – also Chef.“ Stromberg arbeitet nie mehr als nötig, buckelt nach oben und tritt nach unten. Er stellt in übertriebener Weise das Negativbeispiel eines Vorgesetzten dar. Dennoch ist er nicht einfach böse – eher abgestumpft und zynisch. Im Grunde ist er Opfer und Täter seines Umfelds. Strombergs Maxime besteht darin, mit so wenig Aufwand wie möglich so viel wie möglich rauszuholen – auch auf Kosten anderer. Freundlichkeit hat dabei meist irgendwelche Hintergedanken.

Die anderen Charaktere: „Aus Mettwurst machste kein Marzipan“

Der wohl auffälligste Mitarbeiter Strombergs ist Berthold Heisterkamp, genannt „Ernie“. Er ist weit über dreißig, katholisch und wohnt immer noch bei seiner Mutter. Berthold ist zwar nicht dumm, jedoch psychisch und sozial unreif. Immer wieder fällt er durch tragisches, bisweilen auch komisches Verhalten auf. Wie so oft bei Stromberg weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Ernies Versagen wird oft zynisch kommentiert oder ausgenutzt. Als er seinen Glauben nach dem Tod seiner Mutter intensiviert, arbeitet er eine Zeitlang in der Jugendbetreuung der Pfarrei „St. Pankratius“. Aus der Jugendarbeit wird er jedoch wieder ausgeschlossen, da sein Pfarrer mitbekommt, dass er auf der Arbeit einschlägige Internetseiten besucht. Wenn er mit anderen zusammenarbeiten soll, wird er oft aggressiv. Ernie ist für Stromberg genau die Mettwurst, die gerne Marzipan wäre. Aber das wird Ernie nie sein.

Es mangelt ihm an so vielem. Als er wieder einmal peinlich auffällt, sagt eine Kollegin, die verantwortlich gemacht wird: „Ich lass mir doch nicht den Ernie in die Schuhe schieben.“ Nach dem Tod seiner Mutter begeht Ernie einen Suizidversuch. Seine Psychotherapie zeigt keinen Erfolg. Stromberg rettet ihn, als Ernie sich ins Auto setzt und es mit Abgasen vollpumpt.

Der Gegenpart zu Ernie ist Ulf Steinke. Ulf ist ein pragmatisch-hedonistischer Mann, der mit seinen Freunden gerne Fußball sieht oder Frauen erobern will. Ernie ist sein favorisiertes „Opfer“. Das Tragische an Ernie ist die Mobbingtür für Ulf. Später baut Ulf eine Beziehung zur Kollegin Tanja auf und heiratet sie.

Das Paar kann jedoch wegen Ulf auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen. Ulf ist wenig an den Problemen anderer interessiert und verkörpert einen selbstbezogenen, miesgelaunten Mitarbeiter, der dennoch weiß, wie man sich sozial integrieren kann. Er sieht gut genug aus, um sich einige Schnitzer leisten zu können und weiß andere gekonnt für seine Interessen einzunehmen. Ulf ist Taktiker. Wenn ihm seine oft mangelnde berufliche Motivation oder geringe Auffassungsgabe nicht hindern würden, stünde einer Karriere nichts im Wege.

Als letzte Figur sei Erika Burstedt genannt. Erika ist stark übergewichtig, SPD-Mitglied und unglücklich verheiratet. Stromberg über sie: „Ne, ohne Scheiß, ihr seid ein toller Haufen! Auch Erika … auch wenn ich wieder Blitzherpes kriege, wenn ich sehe, wie sie mit ihren dicken Wurstfingerchen in diesem Glas da verschwindet.“ Sie verkörpert oft die kollegiale und nette Kollegin und engagiert sich in der Gewerkschaft. Erika ist allerdings nicht besonders produktiv, erfüllt jedoch meist ausreichend die Anforderungen ihres Jobs. In der dritten Staffel der Serie erleidet sie einen Herzinfarkt und stirbt daran.

Die Serie als Projektion des gescheiterten Humanismus?

Das eigentlich Tragische an der Serie ist, was die „Bürodoku“ vermittelt. Sie stellt in überspitzter Form den Alltag in vielen Büros dar, ohne den Kitsch der Soaps oder Telenovelas und ohne Modelmenschen – einfach durch mehr und weniger schöne Darsteller des alltäglichen Lebens. Die Welt in Stromberg jubelt und jauchzt in säkularer Bedeutungslosigkeit. Es ist ein Narrenschiff nach Nirgendwo und man findet keinen tieferen Sinn hinter Büroklammern und Smalltalk.

Ernie kann einem leidtun, Erika ebenso und Ulf hat halt oft Glück gehabt. Zwischen Abgasschlauch und Beförderung spielt sich dort das ganze Leben ab. Dass der Humor oft bitter und zynisch ist, folgt aus dem leeren Leben der Angestellten. Sie stellen eine sinnfreie Realität überspitzt dar und decken dabei sehr gut auf, wie untergründiger Zynismus und ein „sich irgendwie Durchschlagen“ den Alltag vieler spiegeln.

Die Serie Stromberg überspitzt den „Alltag“, bis die bittere Wunde des Zynismus offenliegt. Seht den Menschen im Nichts, könnte man sagen. Es ist ein Abgesang im Absurden. Es gibt keinen Ausweg aus der Situation. Jeder muss irgendwie mit seinem Schicksal klarkommen. Naturalismus der Hoffnungslosigkeit. Richard Dawkins sagt es auf seine Art: „In einem Universum der blinden physikalischen Kräfte und der genetischen Replikation werden einige Menschen verletzt, andere glücklich und du wirst darin weder einen Reim noch einen Grund finden oder irgendeine Gerechtigkeit.“ (Richard Dawkins, River out of Eden). So kann man überleben, aber nicht menschlich leben. Dadurch zeigt die Serie, wenn auch unfreiwillig, dass es keinen Humanismus gibt, wenn es nichts gibt, dass dem Menschen Sinn und Würde gibt.

Eine Lehre können wir auf jeden Fall aus der Serie ziehen: Wir sollten Christen bleiben – oder es werden.

(Hier gehts zu Teil 2)

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