3. Juni 2012, 7:00h: Es stehen an die 3000 Radsportler in Bruck an der Großglocknerstraße beim Start des größten Radrennens von Österreich. Ich stehe ganz am Ende der Startaufstellung. Nicht nur weil ich zum ersten Mal dabei bin und mich noch überhaupt nicht so recht auskenne, sondern auch, weil mir so die letzten 20 Minuten bewusstgeworden ist, dass das hier echt eine Challenge wird! Wie bin ich noch gleich auf diese verrückte Idee gekommen, mich hier anzumelden?

Nach Jahren im Motorsport kam für mich der Punkt, wo ich mehr die Ruhe suchte und mir eine Bergtour mehr gab als ein Rennen zu bestreiten. Der Sport, die Liebe zur Geschwindigkeit und ein gewisser Kampfgeist wahren aber immer noch Teil von mir und so fand ich mich auf dem Rennrad wieder. Es war genau das was ich suchte! Ich war viel draußen in der Natur, konnte die Stille und Einsamkeit bei langen Bergstraßen aufsaugen und war gerne im Duell mit anderen Rennradfahrer. So kam es auch das mir Rennradkollegen von dem berühmt, berüchtigtem „Glocknerkönig“ erzählten. Ein Radrennen mit Start in Bruck am Ortsplatz mit Ziel am Fuschertörl – das sind rund 27 Kilometer mit knapp 1700 Höhenmeter. Mein Rennfahrerherz war sofort begeistert! Dazu kam die Feststellung:

Willst du als echter Rennradfahrer was gelten, musst du das Ding unter zwei Stunden absolvieren – alles andere sind Freizeitaktivsten die sich auf ein Fahrrad verirrt haben!

Ok – das war eine Ansage, die ich sofort persönlich nahm!

Der Kampf beginnt

Da stand ich nun, neben Waden die mich an Profisportler erinnerten, neben Rennräder die bis ins kleinste Detail mit Carbon gebaut waren und lauschte schon sehr demütig Gesprächen, die davon handelten wie viele tausend Trainingskilometer extra für das Rennen trainiert wurden.

Demütig deshalb, weil ich auf meinem Alurennrad vom Sportdiskonter, mit knapp 500 Kilometer Training, irgendwie fühlte das ich mich da auf etwas eingelassen hatte, dass mich an meine Grenzen bringen wird!

So ging ich kurz vor dem Start – wie auch in all den Jahren im Motorsport – in mein Ritual. Ich kniete mich nieder und betete.

Startschuss – es ging los und die leere Straße hinein in das Seitental füllte sich mit all diesen voll motivierten Bikern. Ich war mitten drinnen – nicht nur dabei – ich hatte mich bei einer Gruppe angehängt, die meiner Einschätzung nach ein gutes Tempo fuhren (oh du naiver Anfänger…). Mit dieser Gruppe ging es rasch die ersten 13 Kilometer bis zur Mautstelle – und da ist die Steigung nur leicht. Ab der Mautstelle war aber Schluss mit Lustig! Eine richtige Rampe baute sich vor mir auf und nach dieser kam die erste Kehre von Vierzehn!

Um es kurz zu machen: Ich hatte so ziemlich alle Ausführungen, die ein Körper aussendet, wenn er völlig überfordert wird. Wobei diese Krämpfe mich nicht so sehr fertigmachten, wie diese schier nicht enden wollende Straße! Dieser Berg und ich kämpften einen Kampf der mich alles an mentaler Stärke kostete, die ich mir über Jahre mühselig aufgebaut hatte! Aber aufgeben – NIEMALS!!

Ziel-Zeit: 2:17.07

Wenn das Ego am Boden ist, hört der Mensch besser auf Gottes Stimme

Ich war kläglich gescheitert und lag oben im Ziel – keine Ahnung wie lange – halbtot bei Temperaturen um die 0 Grad. Was war passiert? Warum diese so schmerzliche Erfahrung?

In diesem komatösen Zustand dämmerte mir in meinem Innersten plötzlich ganz etwas anderes! Warum kam mir dieser Kampf die ganze Zeit über so bekannt vor? Ich kenne ihn – ich kenne diesen Kampf aus meinem Glaubensleben! Wie oft bin ich schon begeistert losgegangen, nach einer Wallfahrt, nach Einkehrtagen, nach Exerzitien oder einfach nach einer tiefen und ergreifenden Heiligen Messe? Aber wie oft bin ich danach in meinem Alltag gescheitert? Keine Freude und keinen Eifer mehr für den Glauben schon nach kurzer Zeit. Abgefallen in Abgründe wo ich doch nie mehr hin wollte und das nach so viel Euphorie und Überzeugung! Ja, das war es – ich kannte diesen Kampf, nur auf einer ganz anderen Ebene!

Diese Betrachtung begleitet mich eine lange Zeit auch noch hinein in das wieder angefangene Training nach dem „Glockner“. Wollte ich doch dieses Scheitern so nicht auf mir sitzen lassen. Einmal Rennfahrer – immer Rennfahrer!

Erst zwei Jahre später sollte es reichen – im Jahr 2014 kam ich in einer Zeit von 1:56.45 ins Ziel und das mit noch so viel Luft in den Lungen, dass mein Jubelschrei wohl bis ins Tal zu hören war! Was hatte ich geändert? Vieles – ALLES!

Das Rad, die Ausrüstung aber vor allem, das Training! Ich saß schon im Winter am Hometrainer, im Frühjahr dann schon die ersten Ausfahrten und ganz besonders immer die Berge rauf und runter. Jeder Kilometer am Berg ist wie Zehn in der Ebene. Essen und Trinken, wie, wann und wieviel – wie gesagt, ich stellte alles um und befasste mich damit. Das führte mich zum Ziel – zum persönlichen Erfolg, sodass ich dieses Rennen in unter zwei Stunden fahren konnte!

Der Sieg in der unsichtbaren Welt

Aber nicht nur am Rennrad! Ich stellte auch in meinem Glaubensleben, im Kampf in der geistigen Welt alles um – diese besondere Einsicht vom Zielraum auf 2.504 Meter über Meer, wollte ich unbedingt umsetzen! Mehr Gebetszeit, lesen der Bibel, fasten, die Hl. Messe unter der Woche besuchen, Anbetung und Stille Zeit beim Herrn, sowie das wohl wichtigste für mich gesehen: die Beichte jeden Monat – fix eingetragen wie einen Termin beim Arzt – das Spiel darin mit Wort und Bild erkennen die, die es kennen!

Und wie sollte es auch anders sein – auch hier stellte sich der Sieg ein! Dieses ständige Auf und Ab, mal oben, mal wieder ganz tief unten hörte auf. Das Zweifeln und Hinterfragen wich und es blieb feste Überzeugung – dieser „Berg“ war bezwungen! Wenn man den Feind kennt, kann man ihn auch fokussieren und gezielt bekämpfen. Ich bekam meine Einsicht geschenkt, am nasskalten Boden der Großglockner-Hochalpenstraße, unweit vom Fuschertörl. Dafür bin ich Gott unglaublich dankbar und heute ist mir bewusst warum die erste Teilnahme bei diesem Rennen nicht nur ein körperlicher Kampf war…

Kondition haben im Glauben

Das Schönste an einem geistigen Sieg ist: Wenn man einmal aus diesem Ping-Pong Spielchen des Feindes ausgestiegen bzw. als Sieger hervorgegangen ist, dann bekommt man die Stärke, die es braucht um das Evangelium in die Welt zu bringen. Es ist wie die berühmte Grundlagenkondition – um wieder die Sportbegrifflichkeit zu bemühen. Wenn man dieses einmal erreicht hat, kann man locker gewisse Distanzen und Anstrengungen absolvieren ohne dabei Probleme zu bekommen. So sollen wir als lebendige, mutige und erfolgreiche Menschen mit einem authentischen Glauben auftreten – das braucht die Welt unbedingt!

Christian Schallauer ist Ehemann und Papa von 5 Kindern, Akademischer Referent für die Theologie des Leibes nach JPII, NER – Berater mit Zertifikat
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