Die Jahre danach: Warum nach dem Konzil viele den Glauben verloren haben

Die Jahre danach: Warum nach dem Konzil viele den Glauben verloren haben

„Ein zweites Pfingsten“, ein „neuer Frühling“, die langersehnte „Versöhnung mit der Moderne“, ein „neuer Aufbruch“ … was wurde nicht alles vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) erhofft. Trotz dieser Hoffnungen – oder genau deshalb – kam es anders. Die Jahre nach dem Konzil gehören zu den schlimmsten Jahren, die es jemals in der Kirchengeschichte gegeben hat. Kardinal Siri soll gesagt haben: „Wäre die Kirche nicht göttlich, das Konzil hätte sie begraben.“ Niemals zuvor gab es soviel Verwirrung, Durcheinander und Glaubensabfall.

Als Pius XII. im Oktober 1958 starb und Giuseppe Roncalli zu seinem Nachfolger gewählt wurde, dachte niemand daran, dass ein epochaler Wandel in der Kirchengeschichte bevorstand. Pius XII. herrschte seit dem Tod seines Kardinalstaatssekretärs Maglione im Jahre 1944 als einsamer Monarch über die Weltkirche. Hager, mager, der Welt abgewandt. Er schien wie ein Mönch, der sich versehentlich in eine Millionenstadt verirrte. Dass nach den Jahren des Stillstands ein neuer Geist einziehen musste, war jedem klar. Doch niemand rechnete damit, wie radikal der neue Geist sein würde.

Das Zweite Vatikanische Konzil

1959 verkündete Johannes XXIII. die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils. 3 Jahre sollte die Vorbereitung dauern und 1962 war es soweit: Das größte Konzil seit Menschengedenken begann. Bischöfe und Kardinäle aus der ganzen Welt nahmen daran teil. Für die meisten Fragen waren Schemata vorbereitet, über die die Bischöfe nur abstimmen mussten. Aber es waren die 60er Jahre. Fortschrittsgläubigkeit lag in der Luft und die Sehnsucht nach einer neuen Zeit. Es war das Jahrzehnt der Beatles und Studentenrevolutionen, der Hippies und der Mondlandung. Der spätere Papst Paul VI. schrieb Enzykliken über den Fortschritt der Völker (vgl. Populorum progressio, 1967).

Vor allem deutsche und französische Bischöfe protestierten gegen die Schemata und wollten ein ganz neues Konzil. Und so geschah es. Es kam zu etwas völlig Neuem. Was auch immer die Intention gewesen sein mag. Man entfesselte Kräfte, die schon bald eine eigene Dynamik entfalteten. Prägend für das Konzil waren weniger die Texte als solche, als vielmehr der „Geist des Konzils“. Johannes XXIII. prägte den Begriff „aggiornamento“, Verheutigung. Solche Schlagworte verselbstständigten sich seinerzeit zu Zauberworten des Bruchs. Unter den Talaren sah man den Muff von 1000 Jahren und im Bruch die Zeichen der Zeit.

Obwohl das Konzil kein einziges Dogma verfasste, das in der üblichen Formel „anathema sit“ (er sei ausgeschlossen) endet, wurden doch einige lehramtliche Brüche beschlossen:

Die Konzilserklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae wurde als „kopernikanische Wende“ (Böckenförde) gedeutet. Nicht mehr die Wahrheit war nun Rechtsträger, sondern die Person in ihrem Gewissen. Damit ist das moderne Denken in die Kirche eingedrungen. Das war eine radikale Abkehr der bisherigen Lehre, nach der die Wahrheit alle Rechte habe, der Irrtum aber keine. Pius XII. lehnte Menschenrechte zwar nicht kategorisch ab, akzeptierte sie aber nur, wenn sie mit dem Naturrecht und den katholischen Glaubenswahrheiten übereinstimmten. Ein Recht auf die Ausübung einer falschen Religion war für Pius XII. nicht vorstellbar. Möglich war nur eine Duldung um des Gemeinwohls willen. Die Kirche kehrte hier massiv von ihrem Anspruch ab, der Staat solle mit ihrer Lehre in Einklang stehen und ihr eine besondere Rolle eingestehen – als Kirche Jesu Christi.

Ein weiterer Punkt, der nach wie vor für Verwirrung sorgt, ist die Aussage in der dogamtischen Konstitution Lumen gentium, dass Muslime mit uns den einen Gott anbeten würden („nobiscum Deum adorant unicum“). Galt doch klassischerweise das Diktum von Thomas von Aquin, nachdem der Islam als Heidentum gesehen wurde (vgl. Summa contra gentiles). Braucht es dann auch keine Mission mehr?

Als Brandpfeil gegen die Tradition kann die Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ über die Kirche in der Welt von heute, gelesen werden. Die „Welt“ kommt nahezu 150-mal vor, Erlösung wird nur 10-mal erwähnt. Wenn man Gaudium et Spes als Gegen-Syllabus lesen will, wie es das Time Magazine seinerzeit tat, als „mutiges Schema“, das die Kirche mit der modernen Welt versöhne, dann hat niemand mehr verloren als die Apologeten der Versöhnung und niemand mehr gewonnen als die Propheten des Antimodernismus. Die These, dass die moderne Welt die Kirche prinzipiell ablehne und lehramtliche Zugeständnisse nur in der Selbstzerstörung enden würden, hat sich voll bewahrheitet.

Der Geist des Konzils

Als das Konzil 1965 vorbei war, wurde der Konzilsgeist zum Orkan. In nur fünf Jahren fegte er die Tradition hinweg. Die Holländer schrieben einen inakzeptablen Katechismus (1966) wollten ein Priestertum auf Zeit, die Abschaffung des Zölibats und eine neue Kirche. Der Münchener Kardinal Döpfner forderte 1969 von Paul VI. die Einführung der Handkommunion. 1969/70 wurde die Neue Messe eingeführt. Nun war sie da, die neue Zeit des Bruchs: Gebete wurden geändert, die Messe neu gemacht. Auf Volkssprache und Volksaltar folgte bald schon das Volksbegehren. Paul VI. konnte zwar mit Mühe und Not die Sittenlehre retten (vgl. Humanae vitae 1968), doch es war zu spät. Lex orandi, lex credendi: Das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens. Ändert man die Gebete, ändert man den Glauben. Wenn die Gebete mit mit der Moderne versöhnt werden sollen, warum dann nicht auch die Moral? Niemand sah ein, warum Pille und Kondom nicht gingen, wenn doch Neue Messe und neue Gebete gingen.

Der Papst stand vor einem nicht mehr lösbaren Dilemma. Viele Katholiken fühlten sich betrogen. Die Volksfrömmigkeit war am Boden. Aus dem frommen Volk kamen Äußerungen wie: „Sie haben uns damals was weisgemacht“, „früher war alles verboten, jetzt ist alles erlaubt“, „wir sind damals für dumm verkauft worden.“ Mit dem Konzil kam es zum Dammbruch. In der Tradition war es noch möglich, von einem katholischen Milieu zu reden, in dem eine relativ große Eintracht herrschte: Rosenkranz, Messe, Gebet. Die Jahre danach haben die Alten verwirrt und die Jungen entmutigt, katholisch zu bleiben. Katholiken wurden bedauert, taugten sie mit ihrer gestutzten Liturgie und ihrer alten Moral doch nur noch als Spaßverderber der sexuellen Revolution. Die katholische Kirche war einst der Bannerträger des Abendlands, das Te Deum der Tradition. Nun bot sie das Bild eines Altherrenvereins mit Minderwertigkeitskomplexen.

Der Neuanfang

Alles wurde in Frage gestellt. Thomas von Aquin und die Scholastik aufgegeben, aus Theologie wurde Gefühlsduselei – und eine permanente Entschuldigung für das böse Rom. Moderne Theologie ist sinnlos. Moderne Christen wissen nicht mehr, warum sie glauben und beten. Sie haben nichts zu sagen – nichts von Gott und schon gar nichts von der Welt. Gott hat keine Relevanz mehr. Das Konzil mag die Versöhnung mit der Moderne gewollt haben, gekommen sind linke Schlagworte wie „soziale Gerechtigkeit“ und nationale Alleingänge wie „der synodale Weg“. Würde das ZdK diesen Irrweg nicht mit so viel Ernst betreiben, es wäre das beste Satire-Programm einer toten Amtskirche, in der grauhaarige Funktionäre den Gottestod aufführten.

Aber: Der Hunger nach Gott ist immer noch da. Die große Sehnsucht nach Heil und Versöhnung, nach dem, was das Heiligste ist, sie ist nicht tot. Die Erfüllung findet sich jenseits von Gremien und Berufskatholiken. In der traditionellen katholischen Frömmigkeit, in der Alten Messe, den Sakramenten und dem Rosenkranz. Es geschehen auch heute noch Wunder und der Heilige Geist baut die Kirche wieder auf.

3 KOMMENTARE

  1. Eine einseitig negative Beschreibung des 2. Vatikanischen Konzils und seiner innerkirchlichen und außerkirchlichen Wirkungen, sowohl in Bezug auf den Auftrag der Kirche in der Welt von heute als auch im Blick auf unhintergehbare Funktion des Gewissens, die im Blick auf die Heiligen immer schon (Antike-Mittelalter-Neuzeit) die Überzeugungskraft des Glaubens in Übereinstimmung mit Tradition, Lehramt, Glaubenssinn markierte. Hätten sich unsere “ Väter und Mütter“ – die ersten Erzähler und Missionare des Christentums – so reaktiv verhalten, das Christentum hätte sich niemals entwickeln können.

  2. Dasd was viele den Geist des Kozils bezeichnen, ist ein Ungeist und hat mit dem Konzil tatsächlich nicht viel zu tun. Mit Täuschung und Lügen wurden zwangsweise Änderungen eingebracht, die genau den beschrieben Zustand wiedergeben.
    Ich spreche seit 2000 von diesem UnZustand in Teilen der deutschsprachigen Kirche.

    Später schreibt Papst Benedikt XVI. genau das dem Schülerkreis; in dem Büchlein „Hermaneutik des Zweiten Vaticanischen Konzil“. Er spricht von dem zerstörerischen Ungeist, der hinausgeworfen gehört.

    Leider folgen ihm da im deeutschen Sprachraum nur wenige … im Gegenteil antikatholische Kräfte sind dabei, das letzte Gute noch zu zerstören. Es liegt an jedem Einzelnen Katholiken, ob man das mitmacht – duldet … oder sich ganz klar dem Gehorsam / der Ordnung stellt; ohne falsche Kompromisse zu machen, diesem Ungeist widerstehen.

  3. Guter Bericht. Es ist traurig was aus unserer katholischen Kirche geworden ist. Johannes XXIII hat die Fenster geõffnet und hat die “ frische“ Luft herein gelassen. Leider sind die Abgase der Welt herein gekommen und haben das Innere der Kirche vergiftet und sie der kostbarsten Schätze beraubt. Die lateinische Messe wurde verboten und die treu gebliebenenen Katholiken geächtet.
    Gerade habe ich erfahren, dass Kardinal Burke die Feier einer Hl. Messe im ùberlieferten Ritus absagen musste.
    Wie wir sehen, geht die Verfolgung weiter ………..

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