Warum ich nicht zurückkehren konnte … zum Novus Ordo

Der Artikel wurde mit der freundlichen Genehmigung von Dr. Peter Kwasniewski vom cathwalk übersetzt und veröffentlicht. Den Originalartikel (englisch) finden Sie auf der Homepage OnePeter5.


Am 8. März 2012 veröffentlichte das Jesuitenmagazin „America“ einen Artikel von Pater Peter Schineller mit dem Titel „The Tridentine Mass: Why I Couldn’t Go Back“. Seit Jahren habe ich bemerkt, dass „America“ tatsächlich dafür bezahlt, diesen Artikel in der Online-Suche zu bewerben, damit er die öffentliche Meinung beeinflusst (sie sind offensichtlich besorgt über die Richtung, in die sich die Jugend entwickelt). Das hat in mir den Samen für den vorliegenden Artikel gepflanzt, der als Gegenpol zum anderen gedacht ist. – PAK

In den ersten 18 Jahren meines Lebens habe ich ausschließlich den Novus Ordo besucht.

Ich wuchs in einer typischen Vorstadtgemeinde an der Ostküste auf, die den Boomer-Ritus feierte. Im Altarraum waren Teppiche und Kommunionhelfer. Ich erinnere mich an die Priester; sie waren alle mehr oder weniger nette Kerle und alle mehr oder weniger ketzerisch. Einer von ihnen begann seine Aschermittwochspredigt damit, dass er sich die Asche vom Kopf wischte und sagte, Christus sei gekommen, um „diese Art von Zeug“ abzuschaffen. Ein anderer verließ das Priesteramt, um zu heiraten und als professioneller Psychiater zu arbeiten. Da ich mich mehr engagieren wollte, wurde ich nacheinander Messdiener, Lektor und Kommunionhelfer. Mein Glaube war aktiv, aber verwirrt (wie verwirrt, möchte ich bei anderer Gelegenheit erläutern).

Später in der High School schloss ich mich einer charismatischen Gebetsgruppe an, die mich mit engagierten, konservativen katholischen Laien bekannt machte, die den Mut hatten, Humanae Vitae zu verteidigen. Die Musik spielte bei dieser Rückkehr eine große Rolle. Ich schrieb mein einziges Gitarrenlied. Aber ganz zufällig, wie es schien, entdeckte ich auch den Gregorianischen Choral. Er begann, eine Faszination auf mich auszuüben. Ich begann, mich mit dem heiligen Augustinus, dem heiligen Thomas von Aquin und Pater Pio zu beschäftigen. Ein mit Medaillen beladener Freund machte mich mit St. Louis de Montfort und dem Geheimnis des Rosenkranzes bekannt. Nach einem steinigen Jahr an der Georgetown University fing ich am Thomas Aquinas College neu an, wo die Studenten vier Jahre lang die Gesellschaft des legendären Einhorns genießen konnten und immer noch genießen: den ehrfürchtigen Novus Ordo in Latein mit Gesang und Polyphonie.

Am Thomas Aquinas College entdeckte ich die Alte Messe – gewissermaßen im Geheimen, wie die elisabethanischen Wiedergänger. In den frühen 90er-Jahren war diese Messe nur an einem Sonntag im Monat „erlaubt“. Wir hatten einen Kaplan, der die Alte Messe privat anbot, wann immer er damit durchkam. Vertrauenswürdige Studenten erzählten sich die Zuteilungen im Flüsterton. Zuerst besuchte ich eine Stille Messe, wenig später ein Hochamt. Meine Freunde und ich wurden von Fragen heimgesucht: „Warum wurde das abgeschafft?“ „Wer hat es uns weggenommen?“ Während meines Studiums erlebte ich zum ersten Mal eine feierliche Messe, Jahre später dann mein erstes Pontifikalamt. Jede dieser Messen war eine großartige Offenbarung der Herrlichkeit des römisch-katholischen Gottesdienstes. Die asketisch-mystischen Elemente des Glaubens ergaben plötzlich einen Sinn, sie wurden mit ihren Ursprüngen wiedervereint und fanden ihren Hafen.

In meinem ersten Job nach dem Studium, als Assistenzprofessor in Österreich, besuchten wir eine Zeit lang täglich die Alte Messe, zu einer gleichzeitig grausamen und kontemplativen Stunde: um 6 Uhr morgens. Als diese glückliche Zeit endete, legten meine Familie und ich Wert darauf, sonntags eine gute Strecke zu fahren, entweder nach Wien oder Linz, um eine Alte Messe zu besuchen. Als wir nach Wyoming zogen, war die Verfügbarkeit so lückenhaft wie der Handyempfang, und diesmal waren wir fünf Minuten von der Messe der College-Kaplanei entfernt, aber vier Autostunden von der nächsten Pfarre mit einer Alten Messe. Während der College-Zeit genossen wir den Segen von drei traditionellen Messen pro Woche, aber wenn das College aus war und der Kaplan nicht da, gab es nur wenige oder gar keine.

Während all dieser Zeiträume habe ich gut 25 Jahre lang den Novus Ordo als Kantor und Chorleiter „durchgehalten“ (wenn auch immer in Situationen, in denen ich auch Zugang zur Alten Messe hatte, auf die ich nicht verzichten konnte). Mit der intimen Kenntnis, die man als Musikdirektor erlangt, wurde mir allmählich klar, was für ein tiefer Bruch die reformierte Liturgie auf allen Ebenen ist. Das Übel dieses Bruchs störte mich immer mehr. Sie ist eine künstliche Liturgie, so wie Esperanto eine künstliche Sprache ist oder Aspartam ein künstlicher Süßstoff.

Einer der Gründe, warum ich mich 2018 entschied, Wyoming zu verlassen, war, so sehr ich es dort aus allen möglichen anderen Gründen auch liebte, die dringende Sehnsucht nach einer ganz traditionellen Gemeinde mit einer täglichen tridentinischen Messe. Es war an der Zeit, einen entscheidenden Schnitt zu machen. Jetzt, wo ich seit fast drei Jahren in dieser Oase lebe, könnte ich ehrlich gesagt nie wieder zu etwas anderem zurückkehren.

In diesen dreiunddreißig Monaten habe ich nur ein einziges Mal eine Novus-Ordo-Messe besucht, als Gefallen für jemanden. Nachdem ich so lange nicht mehr dort gewesen war, war die Erfahrung viel erschütternder, als ich es mir hätte vorstellen können. Es war, als ob mir die Augen für das Ausmaß des Widerspruchs, nicht nur des Unterschieds, zwischen den beiden Riten geöffnet wurden. Und es sind zwei Riten, auch wenn die bequeme juristische Fiktion von zwei „Formen“ als notwendig erachtet wurde, um eine schizophrene Situation zu behandeln.

Wohlgemerkt, ich spreche nicht von „Missbräuchen“. Rechtlich gesehen gab es keine Missbräuche bei dieser speziellen Umsetzung der polymorphen Gebetsmaschine von Paul VI. Die Messe wurde nach dem Missale gefeiert, ohne Ministrantinnen, Kommunionhelfer oder klimpernde Gitarren. Die Gläubigen knieten zur Kommunion nieder, und der Priester trug sogar eine Barockkasel. Nein, es ging um den Geist der Sache, ihre Gestalt oder Gesamtform. Mich hat nicht irgendetwas Bestimmtes gestört, sondern einfach die Sache selbst. Was mir nicht gefiel, war der Novus Ordo.

Statisch und trocken durch den ständigen Fluss von Worten – vom Priester, dem Lektor, der Gemeinde – hüpfte die Liturgie über die Oberfläche des Heiligen wie ein flacher Stein, der geschickt über einen See geworfen wird. Das Gefühl des Mysteriums verflüchtigte sich völlig, oder besser gesagt, es verdichtete sich überhaupt nicht. Nur die gelegentlichen Gesänge gaben dem Ganzen einen Hauch von Sakralität, aber das war eher eine „Atmosphäre“, die von der Stimmungsmusik erzeugt wurde, als ein integraler Bestandteil der Handlung. Der Gesang wirkte eher wie ein Fremdkörper im Ritus als ein organischer Teil einer einzigen fließenden Bewegung. Vor allem fehlte es der Messe an Einheit: Sie entfaltete sich nicht, sondern hangelte sich von einer diskreten Sache zur nächsten, wie eine Abfolge von Aufstellungsübungen. Die modulare Abfolge allgemeiner frommer Texte hat meinem Gebet den Sauerstoff entzogen, als ob die Liturgie mir sowohl die gewöhnlichen als auch die außergewöhnlichen Mittel zur Lebenserhaltung verweigern würde. Es blieb keine Zeit zum Atmen, zum Nachdenken, zum Genießen, um über diesen irdischen Bereich hinaus an den Rand des himmlischen Vaterlandes getragen zu werden.

Danach dachte ich mir: Kein Wunder, dass die Kirche kränkelt und stirbt. Es ist genau so, wie der heilige Paulus in 1. Korinther 11,30 über diejenigen sagt, die beim heiligen Opfer assistieren, ohne zu wissen, was sie tun und wen sie in ihrer Mitte aufnehmen: „Deswegen sind unter euch viele schwach und krank und nicht wenige sind schon entschlafen“ (1 Kor 11,30). Irgendwie hat mir dieser eine Gottesdienst unter Tausenden, an denen ich teilgenommen habe, alles klar gemacht – all die Gründe, warum ich den Staub von meinen Füßen geschüttelt habe.

Ich würde niemals die gesegnete Stille des kontemplativen Hochamtes oder die mitreißenden integralen Gesänge des fließenden Hochamtes gegen die holprige Volkssprache der neuen Messe eintauschen können. Die Gemeinschaft des Gebets, die Gemeinschaft mit der Kirche auf Erden, der Kirche im Himmel, der Kirche im Fegefeuer – ich möchte nicht, dass sie durch die nächste Flut von Worten zerstört wird.

Ich möchte nicht, dass der Priester ständig versucht, mit den Menschen in den Kirchenbänken „in Verbindung zu treten“; er ist nur aus einem Grund da: um uns mit Gott zu verbinden und um sich selbst mit Gott zu verbinden. Wenn er uns gegenübersteht, stirbt das Gebet in diesem Moment und Gott verlässt uns. Ich möchte nicht seinen Blickkontakt, sein geübtes Lächeln, seine beste Imitation eines pastoralen Mr. Rogers oder (im schlimmsten Fall) die Glückwünsche, die er an alle und jeden ausspricht, und den ausbrechenden Applaus.

Ich möchte nicht, dass der Priester den Versuchungen der Optionitis nachgibt, wie ein wohlmeinender Alkoholiker, der sich auf eine gut gefüllte Hausbar stürzt.

Ich möchte nicht den fast tödlichen Schock erleben, wenn ich erfahre, dass der junge Priester, der „einen ehrfürchtigen Novus Ordo“ hält, an diesem Wochenende krank oder verreist oder im Urlaub ist und die Messe von einem Gastpriester aus einem Ashram in Indien, einem jesuitischen Exerzitienhaus oder einem Heim für pensionierte Ikonoklasten gehalten wird.

Ich habe es für immer satt, Laienleser ohne Gewand zu sehen, die von ihren Bänken in den Altarraum gehen, als ob das Lesen des Wortes Gottes nichts anderes wäre, als eine Geschichte aus der Zeitung zu lesen, als ob – im Gegensatz zum einhelligen Zeugnis des alten Israel und seiner Fortsetzung und Erfüllung, der katholischen Kirche – kein besonderes Amt oder keine Weihe, kein besonderes heiliges Gewand von demjenigen verlangt würde, der es wagt, das Buch zu berühren und seine ehrfurchtgebietenden göttlichen Worte auf seine Lippen zu nehmen.

Ich habe es satt zu sehen – und seien Sie versichert, dass es wiederkommen wird, sobald COVID verschwindet –, wie ein Heer alter Damen aufmarschiert, um die Kommunion auszuteilen, so als ob ihnen der Ort gehören würde und sie das Recht hätten, den Leib und das Blut Christi auszuteilen. Es hat mich immer krank gemacht zu sehen, wie diese pseudo-priesterliche Kaste in ihrer ahnungslosen Art dasjenige wie Bingokarten aufnimmt, was in den Jahrhunderten, als die Menschen noch an den All-Heiligen glaubten, jedem Christen Angst und Schrecken eingejagt hätte.

Ich möchte nichts mit dem Hobbes’schen Frieden von Allem gegen Alles zu tun haben. (Das ist ein Silberstreif in der Coronazeit: der Händedruck der Bonhomie ist verschwunden.)

Ich würde die Freiheit, zu beten, zu meditieren, mich auf Christus, meinen Herrn, einzulassen, nicht aufgeben für ein peinliches Fest der gemeinschaftlichen Selbstfeier mit seiner Zwangsjacke der „aktiven Teilnahme“. Ich wusste nie, was Teilhabe sein kann, bis ich die traditionelle Messe entdeckte. Diese lehrte mich auf einer tieferen Ebene als der der Katechese, was die Messe wirklich ist und wie ich durch Anbetung, Reue, Bitten und Danken in sie eintreten kann.

Jetzt, da ich einen Vorgeschmack auf den Himmel genossen und einen Blick auf die Anbetung der Engel erhascht habe, jetzt, da ich mich wieder mit den Jahrhunderten meiner Vorgänger verbunden habe, die auf ihren Knien zum Hochaltar blickten, eingehüllt in den Mantel eines Rituals von Jahrtausenden, jetzt könnte ich niemals wieder zurückgehen.

3 KOMMENTARE

  1. Als persönliche Erfahrung durchaus interessant und respektabel. Aber wohl kaum zu verallgemeinern. Viele, auch durchaus konservative Katholiken, erleben die „alte Messe“ als erstarrt und museal. Sie kommen mit den hohen Erwartungen die die „Altmessbegeisterten“ erzeugt haben und gehen enttäuscht. Es hat ja durchaus seinen Grund, warum eine Reform der tridentinischen Messe von den Konzilsvätern als so dringlich angesehen wurde. Es gärte besonders unter den katholischen Intellektuellen, Gemeinschaftsmesse und Betsingmesse wurden aber auch in breiten Kreisen geradezu als Erlösung empfunden. Besucher der „alten Messe“ heute sind keineswegs repräsentativ für den Messbesucher 1950.

  2. Herr Kwasniewski ist nicht stolz. Seine Schilderungen , wie er zur überlieferten Messe fand, sind sehr beeindruckend . Er hat den Unterschied zur Neuen Messe sehr genau erkannt. Selbstgerecht, stolz und überheblich sind vielleicht eher diejenigen, die ein Amt ausführen, das ihnen eigentlich nicht zusteht. Davon finden wir im Novus Ordo viele Variationen , besonders auch in weiblicher Gestalt.

    Vielleicht hatten Sie bis jetzt auch noch nie Gelegenheit, an einer Hl. Messe im traditionellen Ritus teilzunehmen und haben keinen Vergleich ?

  3. „Ich habe es für immer satt, Laienleser ohne Gewand zu sehen, die von ihren Bänken in den Altarraum gehen, als ob das Lesen des Wortes Gottes nichts anderes wäre, als eine Geschichte aus der Zeitung zu lesen, als ob – im Gegensatz zum einhelligen Zeugnis des alten Israel und seiner Fortsetzung und Erfüllung, der katholischen Kirche – kein besonderes Amt oder keine Weihe, kein besonderes heiliges Gewand von demjenigen verlangt würde, der es wagt, das Buch zu berühren und seine ehrfurchtgebietenden göttlichen Worte auf seine Lippen zu nehmen.“

    Das ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich als Laien einbringen und mit allergrößter Ehrfurcht diesen Dienst versehen. Super

    „Diese lehrte mich auf einer tieferen Ebene als der der Katechese, was die Messe wirklich ist und wie ich durch Anbetung, Reue, Bitten und Danken in sie eintreten kann.“

    Wie kann man einerseits so selbstgerecht und überheblich gegenüber den eigenen Brüder und Schwester im Glauben auftreten und andererseits ernsthaft davon überzeugt sein, Reue zu empfinden, wenn man so stolz ist?

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