Dietrich von Hildebrand – Über die Natur der menschlichen Sexualität

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Dietrich von Hildebrand (1889–1977) – Bild: Max Fenichel [Public domain]
Dietrich von Hildebrand (1889–1977) – Bild: Max Fenichel [Public domain]

Auszüge zitiert nach der auf der Homepage des FMG veröffentlichten deutschen Übersetzung seiner Stellungnahme zur Schulsexualkunde (von Dr. Inge Köck, in: „Der Fels“, 1971, S. 180–183 und S. 240–242), wobei die dort eingefügten hilfreichen Zwischenüberschriften mit übernommen wurden.

Leider geht Hildebrand in seiner Analyse nicht auf den ersten Zweck der christlichen Ehe ein, nämlich den an der göttlichen Schöpferliebe teilhabenden Auftrag der Nachkommenzeugung, sondern er analysiert vor allem die bräutliche Liebe und Hingabe in der Ehe, die natürlich zugleich Voraussetzung und gottgewollter verbindlicher Rahmen für das Geschenk eines Kindes sind. Nichtsdestoweniger eröffnet er einen Blick auf die von Gott geschaffene Geschlechtlichkeit, die deren Adel erahnen lässt, auch wenn sie durch die Erbsünde – genau wie alle anderen Aspekte der menschlichen Natur – verletzt und erlösungsbedürftig geworden ist. Ein solches Verständnis der Geschlechtlichkeit trägt ebenso dazu bei, etwa Kleiderregeln und moralische Vorschriften von ihrem Wesen her besser zu verstehen und dann auch gerne zu akzeptieren.

Von der Natur der Sexualität – als Grundlegung zur Beurteilung der schulischen SE

„Wenn wir den durch die angebliche Sexualerziehung in der Schule den Seelen der Kinder zugefügten Schaden ermessen wollen – Schaden nicht nur vom sittlichen Gesichtspunkt aus, sondern auch von dem der Unversehrtheit des Menschen und der geistigen Gesundheit –, gilt es zunächst, die Natur der Sexualität selbst zu erfassen.“

Sexualität unterscheidet sich radikal von anderen menschlichen Instinkten oder Begierden.

„Eine vorurteilsfreie Analyse des Phänomens der Sexualität zeigt deutlich seine [!] radikale Verschiedenheit von anderen Instinkten. Es reicht in solche Tiefe wie kein anderer Instinkt, weder Hunger noch Durst noch Schlafbedürfnis noch irgendein Streben nach sonstiger körperlicher Erquickung.

Völlig verschieden ist die Art, in der unser persönliches Leben einerseits durch alle übrigen Instinkte, andererseits durch den Zauber des anderen Geschlechts, durch körperliches sexuelles Verlangen und sexuelle Lust beeinflusst wird. Diese sexuellen Kräfte haben etwas Geheimnisvolles; sie strahlen auf unser seelisches Leben aus in einer Weise, die bei dem Wunsch, zu essen oder zu trinken, und bei dem Vergnügen, das die Befriedigung dieser Wünsche begleitet, einfach nicht vorhanden ist. Vor allem reicht die sexuelle Ekstase wirklich in die Tiefe unserer körperlichen Existenz. In ihrer überwältigenden Macht ist sie etwas Außerordentliches, mit dessen Gewalt höchstens furchtbare körperliche Schmerzen verglichen werden können.

Die einzigartige Tiefe der Sexualität im Bereich des Körperlichen zeigt sich bereits in der einfachen Tatsache, dass die Haltung eines Menschen ihr gegenüber von unvergleichlich größerer sittlicher Bedeutung ist als seine Haltung gegenüber anderen körperlichen Strebungen. Die Auslieferung an das sexuelle Verlangen um seiner selbst willen bringt den Menschen in einer Weise herunter, wie es zum Beispiel bei der Trunksucht niemals der Fall ist. Und die angemessene Haltung zu dieser Sphäre, die Reinheit, steht im Rang viel höher als etwa die Nüchternheit.“

Doch die Sexualität ist nicht nur vom sittlichen Gesichtspunkt aus wichtig. Die Haltung eines Menschen zu ihr ist von Bedeutung für seine gesamte Persönlichkeit, ja ist eines ihrer Hauptcharakteristika. Diese zentrale Stellung der sexuellen Sphäre hat zwei Gründe. Der erste ist, dass sich hier Körper und Seele in einmaliger Art begegnen, der zweite liegt in ihrer speziellen Intimität.

Die Intimität des Geschlechtlichen

„Denn neben der Tiefe ist der Sexualität noch eine einzigartige Intimität eigen. Intime Dinge brauchen einen Schleier; sie verlangen Schamhaftigkeit. Dabei gilt es zu erkennen, dass Schamhaftigkeit nicht identisch mit ‚sich schämen’ ist. Scham im Sinn von sich schämen ist die richtige Reaktion auf Dinge, die hässlich sind. Wir schämen uns bestimmter Handlungen, die nicht nur sittlich böse, sondern dazu noch ausgesprochen niedrig und gemein sind. Wir fürchten uns vor der Demütigung, die durch die Aufdeckung solcher Fehler vor anderen entsteht.

Durchaus entgegengesetzt diesem Sich-Schämen wegen negativer Dinge ist die ‚edle Scham’ oder besser ‚heilige Scheu’ oder Bescheidenheit. Sie bewegt einen Menschen dazu, seine Tugenden nach Möglichkeit zu verbergen und sich dem Lob der Menschen zu entziehen. Je demütiger und frömmer ein Mensch ist, desto stärker ist dies bei ihm entwickelt. Er versucht, seine Verdienste mit einem Schleier zu verhüllen. Das Vorhandensein dieser edlen Scham zeigt, wie verkehrt es wäre, etwas als negativ zu betrachten, weil man es nicht gern öffentlich zur Schau stellt oder sonst wie bekannt macht. Die Art des Beschämtseins ist in beiden Fällen radikal verschieden.

Wie es aber eine Schamhaftigkeit in Bezug auf Tugenden und andere positive Eigenschaften gibt, so gibt es eine noch spezifischere Schamhaftigkeit gegenüber gewissen positiven Dingen aufgrund ihrer Intimität. Die Intimität ist ein Phänomen eigener Art, und zwar ein sehr wichtiges. Menschen, die für dieses Phänomen keinen Sinn haben, sind ungeschliffene, oberflächliche und aufdringliche Leute.“

„Vor Kurzem wurde in einem Fernsehvortrag ein sehr naiver Irrtum vorgebracht. Der Redner meinte, dass unser Zurückscheuen vor einer Zurschaustellung unseres nackten Körpers einfach davon komme, dass wir an Kleider gewöhnt sind. Hätten wir zum Beispiel, so meinte er, die Gewohnheit, unsere Ohren zu bedecken, so hätte das Aufdecken der Ohren die gleiche Wirkung auf uns wie unter den jetzigen Umständen die Zurschaustellung unseres nackten Körpers.

Dieser Mann ist anscheinend ein Eunuch ohne das geringste Verständnis für die sexuelle Anziehung, die der weibliche Körper auf den Mann ausübt, und darüber hinaus ein vollkommen empfindungsunfähiger Mensch, der keinerlei Begriff von dem Phänomen der Intimität hat. Er vergisst, dass intime Dinge eine spezifische Qualität und einen spezifischen Charakter haben, dem gegenüber man zwar durch Gewohnheit blind werden kann, den aber andere Dinge niemals einfach dadurch erlangen können, dass sie uns ungewohnt sind.

Die Intimität ist vielmehr eine Eigenschaft bestimmter Objekte und Verhaltensweisen und gehört objektiv zu ihnen. Das beste Beispiel für Intimes aber ist die Sexualität. Jede Enthüllung der Sexualität ist die Offenbarung von etwas Intimem und Persönlichem, ja die Einweihung eines anderen in unser eigenstes Geheimnis. Denn in einem gewissen Sinn ist die Sexualität das Geheimnis des Individuums. Das ist der Grund dafür, dass der Bereich der Sexualität auch der Schamhaftigkeit in ihrem eigentlichen Sinn bedarf.“

Sexualität – angelegt als Ausdruck der bräutlichen Liebe

„Durch all diese Eigenschaften ist die Sexualität geeignet, ein Ausdruck der bräutlichen Liebe zu werden und eine letzte persönliche Vereinigung zu bewirken. Und zwar ist sie nicht nur dazu geeignet, sondern so gemeint. Sie ist dazu bestimmt, in diese Liebe eingebaut zu werden und der gegenseitigen Selbsthingabe zu dienen, nach der die bräutliche Liebe strebt.

Wenn wir die wahre Natur der Sexualität samt ihrem Sinn und Wert verstehen wollen, müssen wir von der großen und herrlichen Wirklichkeit der Liebe zwischen Mann und Frau ausgehen, der Liebe, von der das ‚Lied der Lieder’ sagt: ‚Gäbe einer auch all sein Gut hin für die Liebe, für nichts würde er es erachten.’

Dieser Liebe, die wir im Unterschied zu Elternliebe, Kindesliebe oder Freundesliebe als bräutliche Liebe bezeichnen möchten, ist die Sexualität so tief verbunden und zugeordnet, dass wir durch jede Isolierung der Sexualität von dieser Liebe sofort blind werden für ihre wahre Natur. Wir werden kläglich scheitern mit dem Versuch, die Natur der Sexualität zu verstehen, wenn wir sie von ihrer innigen Verbindung mit der bräutlichen Liebe – samt ihrer spezifischen Note des ‚Verliebtseins’ – trennen. Nur diese Liebe gibt uns den Schlüssel zur wahren Natur der Sexualität. Dieser ihr wahrer Charakter wird offenbar, sobald jemand sich im wahren und echten Sinn des Wortes ‚verliebt’. In seinem Wunsch nach körperlicher Vereinigung mit dem Geliebten erfasst er die einzigartige Intimität dieses Bereichs. Gerade dadurch, dass er eine letzte Einheit mit dem geliebten Menschen über alles erstrebt, anerkennt er eindeutig die Intimität und die Tiefe der sexuellen Sphäre. Und erkennt zugleich die Ausschließlichkeit dieser gegenseitigen Selbst-Schenkung wie ihren bindenden, unwiderruflichen Charakter.

Denn wenn sie ihren vollen Sinn entfalten soll, setzt die Sexualität nicht nur die bräutliche Liebe voraus, sondern auch den klaren und offen ausgesprochenen Willen, eine unwiderrufliche Einheit mit dem Geliebten zu gründen, also den Konsensus, die ‚Einwilligung’, und damit die Handlung, in der die Ehe sich konstituiert.

Die Seele des sexuellen Aktes ist die personale Einheit mit dem Geliebten, die er bewirkt. Er ist der Ausdruck dieser Vereinigung, oder besser: Er ist der Akt, der den Vollzug dieser letzten Einheit bedeutet.

Das müsste einem jeden klar sein, der jemals eine echte bräutliche Liebe erlebt hat. Aber auch ein Mensch, der selber noch keine große und tiefe Liebe erlebt hat, kann dennoch die Tiefe und das Geheimnis sowohl der Sexualität als der bräutlichen Liebe begriffen haben und dadurch zu der richtigen Ansicht von der Sexualität gelangt sein. Ich erinnere mich heute nach fünfzig Jahren noch an ein Gespräch, das ich einmal in meiner Studentenzeit an der Universität München mit einem anderen Studenten führte. Wir sprachen über voreheliche Beziehungen, und ich werde nie die Worte vergessen, mit denen er solche heftig zurückwies:

‚Glaubst du, dass ich so töricht bin und mir das große, selige Erlebnis meiner Hochzeitsnacht zerstören will, wo sich mir in der Frau, die ich liebe, das Geheimnis der Weiblichkeit erschließen soll? Glaubst du, mir ist nicht klar, dass ich die Fülle und das Glück dieses Erlebnisses mit der Einen, die ich wirklich liebe, zerstörte, wenn ich jetzt damit spielen würde wie mit einem Spielzeug?’

Dieser junge Mann war nicht religiös; der Standpunkt, von dem aus er den Bereich der Sexualität betrachtete, war nicht in erster Linie ein sittlicher. Seine Worte kamen einfach aus seinem Verständnis für das Geheimnis der Sexualität. Er hatte seine wahre Bedeutung erfasst und seine Fähigkeit, eine Quelle tiefen Glückes zu werden.“

Sexualität isoliert von der Liebe: Folge der Erbsünde

„Der Umstand, dass es sexuelles Begehren oft auch ohne diese Einbettung in die bräutliche Liebe gibt und dass selbst diese von der Liebe isolierte Sexualität eine ungeheure Faszination ausüben kann, ist kein Argument gegen ihre tiefinnerliche Beziehung zu bräutlicher Liebe und Ehe. Es ist eine Folge der Erbsünde, dass der Bereich der Sexualität zu einer bloßen Verwirklichung der Begierlichkeit werden kann, wodurch er ein vollkommen anderes Aussehen erhält. Doch die Möglichkeit des Missbrauchs und der Perversion einer Sache ändert nichts an ihrer wahren Bedeutung und ihrem wahren Wesen – ebenso wenig, wie es ein Beweis gegen die Bestimmung unseres Verstandes zum Erfassen der Wahrheit wäre, dass viele die Verstandesarbeit nur als Betätigung ihrer geistigen Geschicklichkeit und als Befriedigung ihres Stolzes suchen.“

„Damit haben wir die wahre Natur der Sexualität untersucht, ihre Tiefe, ihre Intimität und ihre grundlegende Verknüpfung mit der bräutlichen Liebe, die einzigartige Einheit, die durch die gegenseitige Selbsthingabe entsteht – mit einem Wort das Geheimnis der Sexualität. Vor diesem Hintergrund zeigt sich der Gräuel der sogenannten ‚Schulsexualerziehung’ in seinem ganzen Ausmaß.“

(aus: Hildebrand, Sexualerziehung in der Schule?, FMG-INFORMATION 76, S. 3 ff. oder http://www.freundeskreis-maria-goretti.de/fmg/menu2/text235.html)

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