Warum eine augenzwinkernde Nonchalance gegenüber den sinnlichen Gütern der Welt mit ihren Etiketten, die nie wirklich das Schöne erreichen, katholisch ist.

Ein Debattenbeitrag von Hanna Maria Jüngling

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„Die Mönchskutte drückt auf eine geradezu provozierende Art aus, wie sehr ein Katholik auf das alles pfeifen kann, ohne deswegen hässlich zu wirken.“ – Rembrandt Harmensz. van Rijn: Porträt des Titus in Mönchskleidern (1660)

Die Begriffe „Objektivität“ und „Stil“ sind inkompatibel. – Warum? „Stil“ ist klassisch nicht die Orientierung an einem objektiven Schönheitsbegriff, sondern an einer bestimmten Erscheinungsform des Schönen, deren Normen wiederum hochgradig subjektiv sind. Der Begriff „Objektivität“ passt hier nicht. „Objektivität“ bedeutet philosophisch immer, dass etwas bewiesen werden kann oder den Anspruch erhebt, durch die Art seiner Setzung (etwa eine Offenbarung oder ein authentisches Zeugnis mehrerer Personen) als bewiesen zu gelten.

Eine solche Vorstellung von Objektivität gibt es im Bezug auf „Stil“ nicht. „Stil“ ist immer nur eine Ableitung des Schönen, die wiederum subjektiv begründet wird. Meist setzt einer Maßstäbe, und andere übernehmen sie für eine gewisse Zeit. Irgendwann verflacht dieser „Stil“, es gelingt nicht mehr, ihn lebendig zu halten. Er wandelt sich im positiven Fall zu einem neuen Stil, oder er wird, verkrampft normativ festgehalten, zum reinen Kitsch. Oder zum Altbackenen. Man kann also beim „Stil“ allenfalls von „Intersubjektivität“ sprechen, also einer empirischen Übereinstimmung einer Gemeinschaft hinsichtlich von Stil-Normen für eine historische Phase. Das aber reicht nicht an „die Schönheit“ als echten objektiven Begriff heran. Ob jemand das Schöne „trifft“, hat mit „Stil“ also nichts oder nur beiläufig zu tun. Präzise gesagt kann das Schöne durchaus sogar „stillos“ sein.

Die Schönheit wohnt der Heiligkeit inne und kann von ihr nicht getrennt werden. Das Heilige aber ist das, was der Mensch nach katholischer Lehre verloren hat. Und Kitsch ist leider ein ebenso typisches katholisches Phänomen wie die Freiheit des Kleides. Der heilige Philipp Neri soll sich höchst individuell und originell, um nicht zu sagen schrullig kostümiert und dabei interessant und liebenswürdig gewirkt haben.

Scholastisch gesagt: die Übernatur ist dem Menschen verloren gegangen, und er ist nur noch Natur. Nackt fanden sich Adam und Eva ohne diese Gloriole des Heiligen und Schönen, und bastelten sich Grasröcke, um ihre Blöße zu bedecken. Ihr Verhältnis zum Heiligen und Schönen war zutiefst gestört. Und dies zeichnet die Menschheit bis heute.

Man sollte nicht verkennen, dass unsere unbeständige, Ewiges vorspiegelnde Modesucht, unsere verkrampfte Stil-Unersättlichkeit, das Verschanzen hinter „Designer“-Klamotten, die Überbetonung des Körpers und des Materiellen, auch dann, wenn man sich in möglichst hausbackene, „züchtige“ Häute zwingt, nichts weiter als mehr oder weniger geglückte Versuche sind, die natürliche Blöße zu bedecken und das verlorene Paradies aus eigener Kraft wiederzuerschaffen.

Haben wir das wirklich nötig als Katholiken?

Der postmoderne Kleiderstil ist dagegen eher eine Trotzreaktion und sagt: Wir pfeifen dafür auf das himmlische Jerusalem! Wir sind hässlich und geben uns auch so!

Jeder wahre Katholik aber ist schön.

Kennen wir nicht das Phänomen, dass jemand in Lumpen dennoch das Auftreten eines Edelmannes haben kann? Das muss man von einem Abbild Christi jenseits aller Textilien einfach ohne Vorbehalte sagen können.

Ein Katholik weiß, dass er in Christus die Restauration und Neuwürde der Übernatur geschenkt erhält, als den „Rock Christi“ gewissermaßen, der Bußgewand und Königskleid in einem ist. Er wird auf all das pfeifen, was die Welt da draußen an Normsetzungen zur schönen oder meinetwegen sogar hässlichen Selbsterlösung zu bieten scheint. Aber ehrlich gesagt gibt es ja nun auch nicht so viele Formen und Möglichkeiten, sich prinzipiell zu kleiden – und dann macht man daraus eben das Beste und spielt damit ohne Scheu, so wie die Kinder, die sich aus ein paar Halstüchern der Frau Mama das Kostüm von Königen, Prinzessinnen und Cowboys herstellen. Man erfindet den Rock, die Hose, das Hemd, das Kleid, den Strumpf, den Hut eben zum tausendsten mal neu…

Dabei hat auch die Kutte ihre Berechtigung. Sie drückt auf eine geradezu provozierende Art aus, wie sehr ein Katholik auf das alles pfeifen kann, ohne deswegen hässlich zu wirken. Die Kutte der Ordensleute sagt: Seht ihr es – ich bin Christus aus dem Gesicht geschnitten! Noch trage ich das irdische Gewand aus Asche und Tod, aber in mir lebt der Lebendige!

Eine augenzwinkernde Nonchalance, eine unverschämte Unbekümmertheit gegenüber den sinnlichen Gütern der Welt mit ihren vergänglichen subjektiven und intersubjektiven Etiketten, die nie wirklich das Schöne erreichen, ist katholisch.

Ein solches Augenzwinkern gibt es hinsichtlich der heiligen Dogmen und der göttlichen Gebote selbstverständlich nicht. Die Normen und Etiketten dieser Welt sind Echo aus einer sterbenden Natur, im besten Fall ein Schwanengesang.

Dogmen und das göttliche Gesetz dagegen sind Echo aus der Ewigkeit, ein „Schatz in irdenen Gefäßen“, und ihr Klang formt uns nach dem Bilde Christi.

Soviel Unterscheidungsvermögen muss sein.

Der „Schöpfer Geist“ wirkt in den Herzen und schafft den Neuen Menschen. Echt katholisches „savoir vivre“ heißt: Selbstbewusste Gleichgültigkeit um Etikette und Stil und ungehemmte Unbefangenheit. Ein wahrer Katholik macht haargenau das, was ihm schön erscheint, weil er alles mit Christus vergleicht. Und der Herr war der Schönste von allen. Wer ihn liebt, ihn im Herzen trägt und sonntags sogar isst, kann nicht anders, als schön zu sein – auch wenn es mit den Klamotten vielleicht nicht zum „Leutemachen“ reichen oder der Leib unförmig oder runzelig und gebeugt sein sollte. Na und?

Was sagte der Herr: Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!“ (Mt. 6, 28)

Ach ja: Und bequem hat es der Katholik dabei auch noch wie das Aschenputtel. Nur ihr passten die goldenen Schuhe „wie angegossen“, die der Himmel ihr schickte, während ihre zwei Lifestyle-Schwestern sich in denselben Pantoffeln nur „Blut im Schuh“ holten. Nicht zu vergessen schickte der liebe Gott dem Aschenputtel auch das richtige schöne Kleid, das ihren Liebreiz so sehr hervorhob, wie es kein natürliches Gewand je erreicht hätte…

Wer in der Natur ohne Gnadengewand schön sein will, der muss leiden – keine Frage. Wer aber bereits das Gnadengewand erhalten hat, der ist schön.

Entspanntheit ist angesagt und … heilige Lebensfreude …

Zum Glück, ja, Gott sei Dank, behält sich der Herr immer noch vor, wie er seine Kinder kleidet, denn er ist der vollkommen Schöne und Objektive und wohnt in einem Licht, zu dem niemand vordringen kann. Es wird seinen Grund haben, dass Gott uns keine Schönheitsnormen offenbart hat.

Hanna Maria Jüngling ist Musikerin (Geigerin), Schriftstellerin/Publizistin und Künstlerin.
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