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„Türkenläuten“ – Erinnerung an den Sieg des christlichen Abendlands über die muslimische Bedrohung

Marco F. Gallina nimmt sie mit auf eine historische Reise

Dugovics

Titus Dugović opfert sich von Sándor Wagner (1859), Thema Belagerung Belgrads durch die Osmanen 1456

Im Sommer des Jahres 1456 wogen Wellen durch das Ährenmeer der südungarischen Vojvodina. Kein Wind bewegt sie, sondern das Beben von dreißigtausend Stiefeln. Im Marschritt zermalmen ihre Sohlen Ackerhalme. Banner und Fahnen flattern bis zum Horizont: blutrote und schneeweiße Streifen glänzen in der Sonne, formen das alte Wappen der Árpáden, der ersten Könige Ungarns. Daneben das Doppelkreuz – Erbe aus byzantinischer Zeit, da sich die Söhne des Pannonischen Beckens mit den purpurgeborenen Kaiserkindern vom Bosporus vermählten.

Doch Byzanz ist gefallen. Die Theodosianischen Mauern, die über eintausend Jahre jedem Angriff, jeder Eroberung trotzten, stürzten unter Kanonendonner und „Allahu akbar!“-Rufen in sich zusammen. Die größte und schönste Kirche der Welt – zur Moschee umgewidmet. Der alte Kaiserpalast – Sitz des Sultans. Dem Glockengeläut ist der Ruf des Muezzins gewichen.

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Mehmed II.

Drei Jahre sind seitdem vergangen. Drei Jahre, in denen die Osmanen unter ihrem Sultan Mehmed II. den Balkan verwüsten. Nachdem Konstantinopel, der Goldene Apfel, in die Hand der Muslime gefallen ist, erscheint Belgrad als nächste lohnende Eroberung.

Tagelang folgt der Heerzug daher der Donau. Boote, Lastkähne und Galeeren begleiten das Aufgebot, das den Türken entgegenzieht. Sechzigtausend Männer soll der Sultan befehligen. Darunter die gefürchteten Janitscharen. Die Elitetruppe Mehmeds wird ihrer Grausamkeit wegen von den christlichen Soldaten gefürchtet. Deren ganze Hoffnung ruht auf ihrem eigenen Anführer, der an der Spitze seiner Truppen reitet: Johann Hunyadi.

Iancu_HunedoaraHunyadi ist eine Legende. Seit zwanzig Jahren ringt er im Namen des Kreuzes gegen den Sichelmond – mit wechselhaftem Erfolg. Unvergessen die Katastrophe von Varna 1444, bei der eine christliche Allianz den Türken unterliegt und der ungarische König den Tod findet. Ihm folgt der vierjährige Ladislaus auf den Thron. Hunyadi lenkt das Land seitdem als Regent.

Ladislaus ist mittlerweile sechzehn, aber Hunyadi bleibt die wichtigste und mächtigste Figur Südosteuropas. Ungarn hat Byzanz als Bollwerk beerbt. Das Königreich, das sich von den Gebirgszügen Dalmatiens bis zu den Karpaten erstreckt, wird zum Schild des Abendlandes, den Hunyadi führt. Die Katastrophe von Varna, die Niederlage auf dem Amselfeld, der Fall Konstantinopels – allesamt Notizen, sollte Belgrad fallen, und den Türken der Weg bis nach Mitteleuropa offenstehen.

Aber Hunyadis Männer stehen nicht allein auf dem Feld. Das ganze Abendland steht aufseiten des ungarischen Heeres. Hinter den Rücken der Soldaten schlagen Myriaden von Glocken. Papst Kalixt III. hat dazu aufgerufen, zur Mittagszeit in ganz Europa zu läuten, um Männer, Frauen und Kinder für die Verteidiger Belgrads und die Soldaten Hunyadis zum Gebet aufzurufen. Seit Ende Juni tönt der Hall täglich durch die Stadtgassen und über Felder, von den Stränden Portugals bis zu den Abteien Englands, in den Reichsstädten des Heiligen Römischen Reiches und den Kaufmannsrepubliken Italiens bis hin in zu einsamen Dorfkapellen an den norwegischen Fjorden.

Rom schickt Hunyadi außerdem eine Geheimwaffe, um das Schlachtenglück für das Christentum zu entscheiden: den Prediger Giovanni da Capistrano. Die Italiener halten ihn für einen Heiligen, seine Zunge ist im ganzen Abendland bekannt. Bei seinen Predigten erscheinen Menschen aus allen Teilen des Landes. In Brescia soll Capistrano bei einer öffentlichen Predigt 100.000 Zuhörer erreicht haben.

Der Heilige bewirkt ein Wunder. Auf dem Weg zu Hunyadi schließen sich ihm tausende Männer an, um in den Krieg zu ziehen und das Abendland zu verteidigen. Kreuzzugsstimmung liegt in der Luft.

Capistranos Leute sind schlecht ausgebildete, einfache Leute. Ihre stärkste Waffe: brennende Leidenschaft für den Glauben. Sie machen den Großteil der 30.000 Männer aus, mit denen Hunyadi seinem Erzrivalen Mehmed entgegenzieht. Tausende von unerfahrenen Bauern gegen die kampferprobten Janitscharen, die vor wenigen Monaten Serbien erobert haben. Mehmeds gesamtes Aufgebot ist doppelt so groß wie Hunyadis zusammengewürfelte Streitmacht.

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Belgrads Belagerung

Belgrads Belagerung geht in die zweite Woche, als Hunyadis Streitmacht und Flotte eintrifft. Die Osmanen haben Nándorfehérvár – so der ungarische Name der Stadt – völlig eingeschlossen. Nur 5.000 Verteidiger leisten den Invasoren an den Mauern Widerstand. Am Zusammenfluss von Donau und Save liegt Belgrad auf einer Halbinsel. Zwei Mauerringe umgeben die Stadt und den Burgberg, ein dritter schützt die Zitadelle. Sie war einstmals der Sitz der serbischen Könige, die Belgrad zum Neuen Konstantinopel der Orthodoxie und zur mächtigste Festung der gesamten Balkanhalbinsel ausbauten.

Mehmed hat die Stadt daher von der Außenwelt abgeschnitten: seine Infanterie belagert sie zu Lande, dahinter halten ihm die Sipahi, die rotbemantelten osmanischen Reiter, den Rücken frei. Galeeren mit Sichelmondwimpel ankern auf dem Wasser und blockieren den Hafen. Der Sultan will die Belagerten demoralisieren und aushungern, statt die Mauern im Sturm zu nehmen.

Hunyadi weiß, dass die Zeit drängt – und bläst zum Angriff.

Der Rammsporn ungarischer Schiffe gräbt sich in türkisches Holz. Zweihundert Schiffe unter dem christlichen Kreuz liefern sich mit ihren osmanischen Rivalen eine Seeschlacht auf der Donau. An Bord tausende Soldaten, die sich Enterkämpfe liefern. In einem Überraschungsmoment gelingt es, vier große türkische Galeeren zu kapern, zwanzig kleinere Schiffe fallen an die Ungarn. Hunyadi durchbricht die hölzerne Blockade, zurück bleiben geborstene Masten und sinkende Rümpfe, die im Wasser der rotgefärbten Donau gen Schwarzmeer treiben. Die Christen reiben die muslimische Flotte auf, Hunyadi wird unter Jubelstürmen im Hafen begrüßt. Das Heer aus abendländischen Adligen, ungarischen Soldaten, Söldnern und Laienkämpfern setzt über den europäischen Strom und verstärkt die Mauern Belgrads. Der Nachschub aus dem Inneren des Königreichs ist gesichert.

Hunyadis Eröffnungszug schwächt Mehmeds Position, aber der Sultan ist nicht bereit, aufzugeben. Der Nimbus der osmanischen Unbesiegbarkeit ist mehr wert als tausende Menschenleben; und wo der Mann, der in der muslimischen Welt den Namen „Fatih“ – Eroberer – trägt, in Konstantinopel siegreich war, will er auch nicht in Belgrad scheitern.

Pausenlos donnern von da an die türkischen Kanonen, erschüttern bei Tag und Nacht die Grundfesten der Wälle und Häuser, bringen die Verteidiger um den Schlaf. Pulverrauch taucht Belgrad in Nebel. Geschosse brechen Löcher in die grauen Mauern, die gen Boden krachen. Eine Woche lärmt die Hölle über dem Schlachtfeld – bis der Außenring nachgibt, Stein bricht und die Kanonen mehrere Breschen in den Wall treiben.

Mehmed zögert nicht. Noch in der Dämmerung ruft er zum Sturm auf. Es ist ein totaler Angriff von allen Seiten. Mit einem Mal setzt sich die Lawine aus Belagerern in Bewegung und rollt Belgrad entgegen, strömt durch die gebrochene Verteidigung in die Stadt; zuvorderst die Janitscharen, dahinter die Soldaten vom Balkan und aus Anatolien. Die Nacht vom 21. auf den 22. Juli soll die Entscheidung bringen, um jeden Preis.

Als die feindlichen Truppen die Oberstadt Belgrads fluten, schlägt Hunyadi zurück. Stroh und teergetränktes Holz stürzen von den Steinwällen nieder. Die Bewohner schaffen alles heran, was brennbar erscheint, werfen es den Angreifern entgegen – und setzen es darauf mit Pfeilen und Fackeln in Brand. In Sekundenschnelle breitet sich ein Flammenmeer aus, das die Oberstadt in zwei Hälften teilt. Eine Wand aus Feuer trennt die Vorhut der Janitscharen von der restlichen Infanterie.

Kommandant Michael Szilágyi, der mit seinen Rittern seit drei Wochen in Belgrad ausgeharrt hat, wirft sich mit den Seinen gegen die eingeschlossenen Elitekämpfer des Sultans. Zwischen Feuer und Eisen fechten Christen und Muslime einen erbarmungslosen Kampf aus. Der Geruch von verbrannten Kadavern beißt in den Nasen, als Szilágyis Männer die Oberhand gewinnen, die Janitscharen ins Feuer drängen oder niedermetzeln. Davon motiviert treiben die Verteidiger den Feind zurück und fügen den einströmenden Männern des Sultans heftige Verluste zu.

Es ist eine Nacht, in der Legenden geboren werden. In Hunyadis Manöver und Szilágys Kampf mischt sich der Mythos eines serbischen Soldaten namens Titusz Dugovics, der auf den Mauern den Osmanen Widerstand leistet: als ein Anatolier den Türkenmond auf einem Turm hissen will, wirft sich Dugovics gegen den Angreifer, und stürzt mit diesem und dem Banner in den Tod.

Dass Chaos und Mythos in der Geschichte wahr werden können, dass Wunder geschehen und das Unerklärliche ein Teil der Welt bleibt, manifestiert sich im Morgengrauen. Ohne Absprache, ohne Erklärung und ohne erkennbare Motivation lösen sich Teile von Capistranos Kreuzfahrerheer. Nur mit Schleudern und Sensen bewaffnet stürmen die Bauern plötzlich aus den Breschen, dem osmanischen Heer entgegen. Für Hunyadi ein Alptraum: gegen die erfahrenen Kämpfer von beiden Seiten des Mittelmeers hat das Laienheer des Predigers keine Chance. Der Feldherr rechnet mit einer Katastrophe, beordert seine eigenen Männer zur Verstärkung.

Capistrano stellt sich darauf mit dem Kreuz seinen Leuten voran, und ruft den Gläubigen zu: „Der Herr, der bei euch das gute Werk begonnen hat, wird es auch vollenden!“

Danach hält das christliche Heer nichts mehr. Aus der Belagerung wird eine Schlacht. Die Osmanen überrascht der plötzliche Ansturm. Panik breitet sich im türkischen Heer aus, als die Ungarn und ihre Verbündeten den Ausfall wagen. Hunyadi galoppiert mit seinen Reitern den Kanonen entgegen, die restliche Streitmacht greift auf breiter Linie die osmanischen Stellungen an. Die Angreifer werden zu Verteidigern, dann zu Flüchtenden. Weder die verbliebenden Janitscharen, noch die Sipahi auf ihren Pferden können ihre eigenen Leute zurückhalten. Am Ende reitet Mehmed selbst ins Gefecht, um seine Männer zurückzurufen – und wird von einem Pfeil in der Hüfte getroffen.

Die Christen überrollen das Lager, der Sultan beordert sein Heer zurück. Endlich trifft Hunyadi ein, und ruft die übereifrigen Kämpfer herbei, um sich auf den nächsten Gegenangriff der Türken vorzubereiten. Der vorsichtige Schachzug bewahrt die Osmanen vor einer noch größeren Katastrophe. Am Abend des 22. Juli, im Schutz der Dunkelheit, ziehen die Muslime ihre Verwundeten auf über 100 Karren ab. Das Osmanische Reich hat 200 Boote und Galeeren, 300 Kanonen und über 10.000 Soldaten verloren. Der Sieg wahrte Ungarns Freiheit weitere 70 Jahre lang.

Doch die Größe des Sieges überschattet seine Tragik. Im Lager der Sieger bricht eine Seuche aus. An ihr gehen Hunyadi und Capistrano Wochen später zugrunde. Szilágy gerät bei der Schlacht von Baziaș vier Jahre später in osmanische Gefangenschaft. In Konstantinopel wird er gefoltert und in zwei Hälften gesägt.

Der Mythos von Belgrad lebt dagegen weiter: im Namen des legendären Titusz Dugovics, der für die Völker des Balkans im 19. Jahrhunderts zum Nationalhelden wurde; und im „Türkenläuten“, das Kalixt III. angeordnet hatte, und bis heute über die Dächer Europas erklingt. Nicht mehr zum Aufruf zum Gebet für die Verteidiger von Belgrad, sondern als Erinnerung an den Sieg des christlichen Abendlands über die muslimische Bedrohung.

Und das nunmehr seit über 560 Jahren.

Marco Fausto Gallina studierte Politik- und Geschichtswissenschaften in Verona und Bonn. Geboren am Gardasee, sozialisiert im Rheinland, sucht der Historiker das Zeitlose im Zeitgeistigen und findet es nicht nur in der Malerei oder Musik, sondern auch in der traditionellen italienischen Küche. Katholische Identität und europäische Ästhetik hängen für ihn dabei unzertrennlich zusammen. Unter den Schwingen des venezianischen Markuslöwen betreibt er seit 2013 sein Diarium, den Löwenblog.

 

 

 

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  1. Leben ist so wunderbar, wenn’s Frieden in den Landen gibt. Dereinst warns Schlachten. Jede Schlacht hat Elend und Verlust gebracht. Nun sollten Menschen klüger werden, auf das es Frieden blieb auf Erden. Doch Gier nach Geld, Macht, Größenwahn spornt Menschen leicht zum Kriege an. Dabei spricht man gar gern vom Sieg. Doch wahrlich gibt es nur Verlust. Die Menschen müssen furchtbar leiden. Selbst die die sich als Sieger sehen, die werden in die Knie gehen. Den Tote und verletzte Leiden, die gibt’s nun mal auf beiden seiden. __ Das Christentum
    im Adelschutz Verquickt mit Adels-Machenschaften, war einst in manche Schlacht verstrickt. Nun hat man viel an Macht verloren. Ist nun der Frieden neu geboren? __ Der Islam Kannte nie den Frieden. Denn Muhammad war Mann der Schlachten. Der Kriek und die Scharia, nein! Die durften nie voll Frieden sein. Vergleiche Den Muhamad mit Jesu, dann wird ganz schnall Klar, das Frieden stets ein Fremdwort war. Nur Jesus glänzte hell in Frieden. Das wurde letztlich sein Problem. Selbst edle Juden-Theologen, die Nächstenliebe sollten künden, konnten die Liebe nicht gut finden. So gibt es Elend, Zank und Streit, auch weiterhin auf Erdenzeit.
    Mimi mag die Liebe.

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