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Sacrificium laudis und oblatio als Schlüssel zur Struktur und Aussage des Canon Missae – Teil I

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Von Clemens Victor Oldendorf

Das Problem der Kanonhermeneutik und der deutschen Übersetzung des Messkanons

Teil I: Einleitung und Übersetzungsvorschlag

Vorbemerkung: Dieser zweiteilige Beitrag erschien zunächst am 23. und 29. Januar 2019 auf kathnews.de(Teil 1 ) und (Teil 2)und wird hier, leicht angepasst und vom Verfasser hinsichtlich der Übersetzung des Supplices um eine Variante bereichert, mit freundlicher Zustimmung von Kathnews übernommen.

Vor ziemlich genau einem Jahr wurde hier die zweite und dritte Auflage des Volksmissale von Pater Martin Ramm FSSP vorgestellt: Orare cum Ecclesia I. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass frühe Sakramentare den Kanon der Messe regelmäßig als Einheit mit der vorausgehenden Präfation und dem Sanctus voraussetzen,  ein Gefüge, das nach der Anordnung und Argumentation Gregors des Großen[1] auch das Vaterunser umgreift.

Für den Geltungsbereich des überlieferten Römischen Ritus war es 2015 das gerade genannte Volksmissale, das erstmals seit 1929 wieder nicht nur Eigentexte, sondern sämtliche gleichbleibenden Teile der Messliturgie, also vor allem auch den Canon Missae, aufgrund der lateinischen Vorlage in vollständig eigener Übersetzung erschloss. In der Disposition und Anlage des eucharistischen Hochgebets im Volksmissale zeigt sich, wie schon vor einem Jahr herausgestellt, dass der Herausgeber den Konnex von Präfation, Sanctus und Kanon wieder ursprungsgemäßer auffasst und auch von der Zugehörigkeit des Paternoster zum Kanon ausgeht. Die damals entfaltete Herleitung der Angemessenheit dieser Auffassung braucht im vorliegenden Beitrag nicht wiederholt zu werden.

Ungefähr seit dem Jahr 2000 ließ sich in Liturgiewissenschaft und Systematischer Theologie ein neues Interesse am Opfercharakter der Eucharistiefeier feststellen. Der Canon Romanus wurde dabei oftmals als defizitär angesehen oder seine Opferterminologie und –aussagen als problematisch eingestuft. [2] Damit ergibt sich wie von selbst ein Beweggrund, Vokabular und Sprachebene des Kanons neu zu analysieren. Dafür bietet nicht nur die Neuübersetzung Ramm[3] Anlass, sondern ebenso die Tatsache, dass die Neuauflage des vollständigen Schott-Messbuches auf dem Stand von 1962, die der Sarto-Verlag im Dezember 2018 herausgebracht hat, die Textgestalt von 1929 unverändert enthält und, dass diese Einheitsübersetzung[4] 2019 neunzig Jahre alt werden wird, genau am 13. Juni 2019[5].

Wenn auch das I. Hochgebet im Messbuch Pauls VI. strenggenommen aus verschiedenen Gründen sachlich gerade nicht als mit dem römischen Kanon übereinstimmend angesehen werden kann, ist die Übersetzungsfrage auch für dieses Messbuch nicht uninteressant, da im deutschen Sprachraum mit dem 1. Adventssonntag 2018 zwar eine neue Einheitsübersetzung  des Messlektionars eingeführt worden ist, die Übersetzung des Messbuchs aber noch ansteht und der lateinische Text des I. Hochgebetes zumindest in großen Teilen mit dem Kanon identisch ist.

Vor diesem Hintergrund sei hier eine eigene Übersetzung des Canon Missae vorgestellt. Zentrale Termini des lateinischen Textes und signifikante Formulierungen meiner eigenen Übersetzung werden in einem II. (Kommentar-)Teil dieses Beitrags begründet und erläutert. Die fettgedruckten Passagen und Formulierungen der Übersetzung verstehen sich zugleich als Vorschlag zur Revision der Übersetzung Ramm 2017 im Hinblick auf künftige Auflagen des Volksmissale.

Übersetzungsvorschlag des Canon Missae

(Einleitungsdialog, Präfation und Sanctus sind vorausgegangen, es folgt)

Te igitur

Dich also, mildreichster Vater, bitten wir daher flehentlich und erbitten durch Jesus Christus, Deinen Sohn, unseren Herrn, dass Du annehmest und segensreich machest diese + Gaben, diese + Geschenke, diese heiligen + Opfer unversehrt: Siehe, wir bringen sie Dir dar als Deine heilige katholische Kirche, die Du befrieden, bewahren, einigen und regieren wollest auf dem ganzen Erdkreis. Wir tun es vereint mit Deinem Diener, unserem Papst N. und mit unserem Bischof N. und mit allen Rechtgläubigen, die dem katholischen und apostolischen Glauben folgen.

Memento

Gedenke, Herr, Deiner Diener und Dienerinnen N. und N. und aller Umstehenden, deren Glauben Dir bekannt ist und deren Hingabe Du kennst, für die wir Dir darbringen oder die Dir selber darbringen dieses Opfer des Lobes [hoc sacrificium laudis] für sich und all die Ihrigen zur Erlösung ihrer Seelen. Für die Hoffnung auf Heil und auf ihre Wohlfahrt erfüllen sie Dir ihre Gelübde, dem ewigen Gott, dem Lebendigen und Wahren.

Communicantes

In Gemeinschaft stehend vollziehen wir ehrend das Gedächtnis vorrangig der glorreichen immerwährenden Jungfrau Maria, der Gebärerin unseres Gottes und Herrn Jesus Christus, aber auch des heiligen Joseph – ebendieser Jungfrau Bräutigam – und Deiner heiligen Apostel und Martyrer Petrus und Paulus, Andreas, Jakobus, Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Simon und Thaddäus, Linus, Cletus , Clemens, Xystus, Cornelius, Cyprianus, Laurentius, Chrysogonus, Johannes und Paulus, Kosmas und Damianus und aller Deiner Heiligen. Aufgrund ihrer Verdienste und Fürbitten gewähre, dass wir in allem kraft des Beistandes Deines hilfreichen Schutzes gefestigt werden.

Hanc igitur oblationem

Diese Darbringung unseres Dienstamtes, aber auch Deiner ganzen Familie [sed et cunctae familiae tuae], bitten wir, Herr, wollest Du daher versöhnt annehmen und unsere Tage [diesque nostros] in Deinem Frieden ordnen, sowie gebieten, dass wir der ewigen Verdammnis entrissen und zur Herde Deiner Auserwählten gezählt werden. Durch Christus, unseren Herrn.

Quam oblationem

Ebendiese Darbringung würdige Du Dich, Gott, in allem, so bitten wir, zu einer gut+geheißenen,  ein+getragenen, rechts+gültigen, vernunft+gemäßen und annehm+baren machen zu wollen, damit sie uns werde + Leib und + Blut Deines geliebtesten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus.

Qui pridie

Welcher am Abend, bevor er litt, Brot in seine heiligen und ehrwürdigen Hände nahm, die Augen gen Himmel zu Dir, Gott, seinem allmächtigen Vater erhoben, Dir Dank sagte, es seg+nete, brach und es seinen Jüngern gab, indem er sprach: Nehmet hin und esset davon alle, DENN DAS IST MEIN LEIB.

Simili modo

Auf ähnliche Weise nach dem Mahle auch diesen überaus hehren Kelch in seine heiligen und ehrwürdigen Hände nehmend, Dir wiederum danksagend,   seg+nete er ihn und gab ihn seinen Jüngern, indem er sprach: Nehmet hin und trinket daraus alle, DENN DAS IST DER KELCH MEINES BLUTES, DES NEUEN UND EWIGEN BUNDES: MYSTERIUM DES GLAUBENS: DAS FÜR EUCH UND FÜR VIELE VERGOSSEN WIRD ZUR NACHLASSUNG DER SÜNDEN. Sooft ihr dies tut, tut es zu meinem Gedächtnis.

Unde et memores

Daher vollziehen wir, Herr – wir, Deine Diener, aber auch Dein heiliges Volk – das Gedächtnis ebendieses Gesalbten, Deines Sohnes, unseres Herrn, des seligmachenden Leidens ebenso wie nicht minder der Auferstehung aus dem Totenreich und der glorreichen Auffahrt zu den Himmeln und bringen Deiner erhabenen Majestät aus Deinen Geschenken und Gaben bereitet das reine + Opfer dar, das heilige + Opfer, das Opfer unbefleckt: das heilige + Brot ewigen Lebens und den Kelch + des unvergänglichen Heiles.

Supra quae

Würdige Dich, darauf versöhnten und leuchtenden Angesichts herniederzublicken und sie anzunehmen wie Du Dich gewürdigt hast anzunehmen die Geschenke Deines gerechten Knechtes Abel, das Opfer unseres Patriarchen Abraham und was Dir dargebracht hat Dein Hoherpriester Melchisedech, ein heiliges Opfer, ein Opfer unbefleckt.

Supplices

Zu Dir flehend bitten wir, allmächtiger Gott: Gebiete, dass dies [haec] durch die Hände Deines heiligen Engels auf Deinen erhabenen Altar im Angesichte Deiner göttlichen Majestät übertragen werde, damit wir alle, die wir – wieviele wir auch seien – durch diese Teilhabe  am Altar hienieden [oder auch: vom Altar hienieden, wenn man sich entschließt, altaris als Genitivus originis aufzufassen] den hochheiligen Leib + und das + Blut Deines Sohnes empfangen, von aller himmlischen Segnung und von Gnade erfüllt werden. Durch denselben Christus, unseren Herrn. Amen.

Memento etiam

Gedenke auch, Herr, Deiner Diener und Dienerinnen N. und N., die uns besiegelt mit dem Zeichen des Glaubens vorausgegangen sind und die schlummern den Schlaf des Friedens. Ihnen, Herr, und allen in Christus Ruhenden erbitten wir, dass Du ihnen Nachlass gewährst und den Ort der Erquickung, des Lichtes und des Friedens. Durch denselben Christus, unseren Herrn. Amen.

Nobis quoque

Auch uns Sündern, Deinen Dienern, die auf die Fülle Deiner Erbarmungen hoffen, wollest Du Dich würdigen, einen gewissen Anteil und Gesellschaft mit Deinen heiligen Aposteln und Martyrern zu geben, mit Johannes, Stephanus, Matthias, Barnabas, Ignatius, Alexander, Marcellinus, Petrus, Felicitas, Perpetua, Agatha, Lucia, Agnes, Cäcilia, Anastasia und mit allen Deinen Heiligen: Zu deren Gemeinschaft lass uns zu, nicht als Wäger des Verdienstes, sondern indem Du uns, so bitten wir,  großzügig  zu ihr hinzutreten lässt. Durch Christus, unseren Herrn.

Per quem

Durch den Du dies alles, Herr, immerfort gut erschaffst, es heili+gst, be+lebst, seg+nest und uns gewährst.

(Es folgen nun die Doxologie des Kanons, die landläufig gern als dessen Abschluss angesehen wird, das Paternoster mit dem Embolismus und die Pax.) Hinsichtlich dieser Riten erscheint es nicht erforderlich, an der Übersetzung Ramm textliche Änderungswünsche anzubringen. Jedoch schiene es konsequenter, den Kanon nicht mit der Pax abschließen zu lassen, sondern auch noch den Vermischungsritus einer konsekrierten Partikel der Hostie des Zelebranten mit dem kostbaren Blut im Kelch hinzuzunehmen und diesen Ritus als den definitiven Abschluss des Kanons anzusehen. Dann lautet das Gebet, das diesen Ritus begleitet, in deutscher Übersetzung präziser:

Haec commixtio

Diese Vereinigung und Konsekration[6] [haec… consecratio] des Leibes und Blutes unseres Herrn Jesus Christus werde uns Empfangenden zum ewigen Leben. Amen.

Mit dem Agnus Dei beginnt der Kommunionteil.

Dieser Beitrag wird fortgesetzt mit Teil II: Begründung und Kommentar.


[1] Vgl. dazu auch Hagen, Ch. M., Orare cum Ecclesia II. Wichtige Aspekte des Volksmissale der Petrusbruderschaft näher betrachtet, Cathwalk-Beitrag vom 21. Januar 2018.

[2] Vgl. beispielsweise: Stuflesser, M., Memoria Passionis. Das Verhältnis von lex orandi und lex credendi am Beispiel des Opferbegriffs in den Eucharistischen Hochgebeten nach dem II. Vatikanischen Konzil, (Oros) Altenberge 1998, fortan zitiert als Stuflesser, Memoria Passionis; Albert Gerhards und Klemens Richter (Hrsg.), Das Opfer. Biblischer Anspruch und liturgische Gestalt, (Herder) Freiburg im Breisgau 22000, fortan zitiert als Gerhards/Richter, Opfer und Witt, Th., Repraesentatio Sacrificii. Das eucharistische Opfer und seine Darstellung in den Gebeten und Riten des Missale Romanum 1970. Untersuchungen zur darstellenden Funktion der Liturgie, (Schöningh) Paderborn 2002, fortan zitiert als Witt, Repraesentatio Sacrificii.

[3] Erstmals vorliegend in: Ramm, Volksmissale. Das vollständige römische Messbuch nach der Ordnung von 1962, lateinisch deutsch, (St. Petrus) Thalwil 12015, 22017 in einzelnen Details textlich leicht modifiziert.

[4] Vgl. dazu Häußling, A. A., „Einheit in den deutschen liturgischen Texten“. Josef Könn und die Übersetzung des Ordo Missae von 1929, in: Alw 22 (1980) S. 124-128.

[5] Vgl. ebd., S. 127.

[6] Der Kommentar wird zeigen, dass der Wortlaut des textus receptus, wie er im MR1962 vorliegt, ursprünglich hier nicht mit der Vorstellung einer (zusätzlichen) sogenannten Kontaktkonsekration zusammenhängt.

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