Habe Mut, ein Esel Gottes zu sein! – Eine geistliche Betrachtung zur Fastenzeit

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Bild: JACLOU-DL / pixabay.com
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Von Thorsten Paprotny

In dem Interviewband „Salz der Erde“, erstmals erschienen 1996, fragt der Journalist Peter Seewald den Kardinal Joseph Ratzinger: „Wie viele Wege gibt es zu Gott?“ Der damalige Präfekt der Glaubenskongregation antwortet: „So viele, wie es Menschen gibt.“

Sind Ihnen schon viele Menschen begegnet, die einen Weg zu Gott suchten? Etliche haben ihre Sehnsucht möglicherweise intellektuell umkleidet und geschickt verborgen. Für einige hat die religiöse Musikalität ästhetische Dimensionen. Im Dom zu Regensburg etwa vernehme ich vor der sonntäglichen Vesper zu Hochfesten manchmal Gemurmel. Mit dem Gottesdienst fremdeln etliche Besucher eher. Sie sind unsicher. Aber die Domspatzen möchten sie gern singen hören. Aus rein ästhetischen Gründen? Vielleicht. Genügt der Musikgenuss? Das mag nicht ausreichen. Könnte aber das nicht ein Anfang sein? Wer wollte ausschließen, dass vielstimmiger Psalmengesang, eine festliche Motette und gregorianische Choräle nicht manchen Ungläubigen, der sich seines Unglaubens nicht ganz sicher ist, von innen her berühren könnten?   

Der britische Romancier Julian Barnes, bekennender Agnostiker, schreibt 2008 in dem ausgesprochen interessanten Buch „Nichts, was man fürchten muss“ gleich zu Beginn: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.“ Weiter hinausgewagt hat sich der deutsche Schriftsteller Martin Walser. Zwar hat er sich nicht zum christlichen Glauben bekannt. Aber die Sehnsucht nach Gott hat er mehrfach eingestanden. In dem schmalen, unbedingt lesenswerten Band „Über Rechtfertigung“ beschreibt er 2012 das Mienenspiel eines offensiv religiös Unmusikalischen, den Zynismus eines stolzen Atheisten, der sich höhnisch und mit mokanter Verachtung über den Glauben äußert. Walser grübelt hingegen: „Wer sich heute fast instinktiv erhaben fühlt über alles Religiöse, weiß vielleicht nicht, was er verloren hat. … Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es.“ Der Schriftsteller hat Mitleid mit dem Gottlosen, der am Glaubensmangel nicht einmal zu leiden scheint und sagt: „Wenn ich von einem Atheisten, und sei es von einem «bekennenden» höre, dass es Gott nicht gebe, fällt mir ein: Aber er fehlt. Mir.“

Vielleicht ist die Sehnsucht nach Gott auch ein Ruf nach der Sichtbarkeit gläubiger Menschen, nach Glaubenszeugen heute? Das Bekenntnis heute bedarf weder einer emphatischen Umkleidung noch greller Fanfarenstöße. Das Wort des Christen muss auch nicht emphatisch mit „Halleluja“-Rufen versetzt sein, das Beispiel des Lebens im Glauben könnte genügen. Wir haben der Liebe, wir haben Gott geglaubt, und wir zeigen auf das ganz unterschiedliche Weise – geben Zeugnis von unserer Leidenschaft für Christus, von unserer Beziehungs-, ja Liebesgeschichte mit Gott und Seiner Kirche. Es ist tatsächlich oft ein wenig wie unter Liebenden: Einige Paare gestehen tagtäglich einander dutzendfach ihre Liebe – und sie mögen dies aufrichtigen Herzens tun und Freude daran haben –, anderen genügt ein scheuer Blick, mit dem sie sich wie beiläufig oder zufällig streifen und doch einander von innen her ganz erkennen. Wir wachsen immer vielleicht tiefer auch in die Beziehung zu Gott hinein.

Wir entdecken die Schönheit der Liturgie und den Schatz der Wahrheit des Glaubens. Es gibt ganz unterschiedliche Wege, auch ganz unterschiedliche Glaubenszeugnisse, die uns Vorbild und Beispiel sein können. Manche verehren die großen Kirchenväter, die Kirchenlehrer und ihre Weisheit – und wir bewundern sie mit allem Recht, von Ambrosius und Augustinus über Thomas von Aquin zu Bonaventura. Ich war dankbar und froh, als der heilige Johannes Paul II. auch die heilige Theresia vom Kinde Jesus zur Kirchenlehrerin erhoben hat – ausgerechnet die „kleine Theresia“, die in ihrer beherzten Glaubensfreude doch alles Wesentliche gesehen, erfahren und erkannt, der Liebe geglaubt hat. Gern denke ich an den heiligen Bruder Konrad von Parzham und seinen Ausspruch: „Das Kreuz ist mein Buch.“ Es genügt, den gekreuzigten Herrn anzuschauen. Wer also das Kreuz „lesen“ kann, wer den Kreuzweg mitgeht und seine Botschaft, das Leben, Leiden und die Auferstehung des Herrn somit mit den liebenden Augen des Glaubens verstehen und in sich aufzunehmen kann, der vermag sich zu Ihm hinzuwenden, sich Ihm hinzugeben und sich zu Ihm zu bekehren.

Wir kennen nicht die Namen aller Heiligen, auch die Kirche kennt sie nicht. Die Kirche kann nur Heiligkeit erkennen, Heilige machen kann sie nicht. Manche fragen sich etwa, ob Pius XII. dazu gehört. Ich bete zu ihm wie zu einem Heiligen, und ich weiß von vielen Menschen, dass sie das auch tun. Auch an Johann Michael Sailer und Georg Michael Wittmann, die beiden Regensburger Bischöfe, die im Ruf der Heiligkeit stehen, wende ich mich mit meinen Gebeten und hoffe auf ihre Fürbitte, ihren Beistand und ihre Begleitung. Ich selbst denke gelegentlich an einen frommen alten Mann, den ich auf so vielen Reisen nach Rom an jedem Morgen in der Basilika Santa Maria Maggiore traf. Wir grüßten einander. Seine Frage war immer dieselbe: „La missa?“ Er besuchte die heilige Messe gewiss mehr als einmal am Tag.  In welcher Kapelle wird die nächste Messe wohl gefeiert werden? Mir schien, als hielte er sich von morgens bis abends in der prächtigen Basilika auf. Der alte Herr wollte Gott ganz nahe sein, verweilte in der Anbetungskapelle und ging mit einem versonnenen Lächeln, eine metallene Gehstütze mit sich führend, durch das Kirchenschiff. Ja, er liebte diese Kirche so sehr. Wenn ich an diesen frommen Greis denke, kommen mir Worte meines eigenen Doktorvaters in den Sinn. Er sagte zuweilen ganz leise und bedächtig: „Wenn ich erst einmal in einer Kirche drin bin, möchte ich gar nicht mehr hinaus.“

Wie gut, dass uns Vorbilder und Weggefährten, wie gut, dass uns die Heiligen geschenkt sind. Wir mögen an unsere Namenspatrone denken, an die Patrone unserer Kirchen, an die Heiligen, denen wir begegnet sein mögen. Wir mögen auch an Menschen denken, in denen die Güte Gottes aufleuchtet, durch die hindurch das Licht der Welt sichtbar wird, an Menschen, die zu Wegweisern wurden und werden, mit dem Kirchenvater Augustinus gesagt: an die Packesel, an die Lasttiere des Herrn. In einer tiefgründigen Weihnachtspredigt lesen wir: „Achte auf die Krippe, und schäme dich nicht, ein Lasttier deines Herrn zu sein! Christus wirst du tragen, so wirst du nicht in die Irre gehen und vom Weg abkommen. Der Weg selbst, nämlich Christus, sitzt auf dir. Erinnert ihr euch an jenen jungen Esel, der dem Herrn zugeführt wurde? Niemand schäme sich darüber, dass wir damit gemeint sind. Möge der Herr auf uns sitzen und uns lenken, wohin immer er will. Wir sind sein Lasttier auf dem Weg nach Jerusalem. Sitzt er auf uns, so werden wir nicht erdrückt, sondern erhöht; führt er uns, so gehen wir nicht in die Irre. Wir gehen zu ihm, wir gehen durch ihn. So gehen wir nicht zugrunde.“

So viele Suchende, scheint mir, warten auf das Zeugnis des Glaubens – nicht auf Machttaten, nicht auf große Reden und wichtige Traktate, aber auf das Zeugnis der Menschen, die an Christus glauben und Seiner Kirche treu sind, auf das Beispiel des Lebens, die – so wie wir alle – Bettler vor Gott sind, aber um ihre Berufung zur Heiligkeit wissen. Ja, auch wir sind zur Heiligkeit berufen. Wer etwas mehr wissen möchte, dem sei eine Predigt von Pater Engelbert Recktenwald zum Anhören und zum Bedenken empfohlen. Vielleicht fassen wir in der Fastenzeit Mut zum Zeugnis für Christus im Alltag, ein jeder seinem Charisma entsprechend. So könnten wir, wie der heilige Augustinus sagt, ein Lasttier des Herrn, ja ein echter Esel Gottes zu sein – vielleicht auch einigen oder nur einem einzigen von allen Menschen, die Gott vermissen und suchen, trotz unserer Schwachheit und trotz allen Ungenügens, ein Beispiel geben. Darum: Schäme dich nicht, habe Mut, ein Lasttier deines Herrn zu sein!

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