Montag, 3. Oktober 2022

„Ein Traditionalist sollte das Schisma der deutschen Kirche ersehnen“ – Martin Mosebach im Una-Voce-Interview

Mit freundlicher Genehmigung der Una-Voce-Korrespondenz veröffentlicht der Cathwalk folgendes Interview:

Una-Voce–Korrespondenz: Bevor wir das Gespräch begannen, gaben Sie – quasi als Tonart – zu bedenken, daß wir in der derzeitigen Situation kaum Lehren aus der Vergangenheit ziehen könnten, weil das, was wir gegenwärtig erleben, mit keiner der historischen Krisenzeiten vergleichbar sei, auch wenn frühere Zeiten im Detail ähnliche Phänomene hervorgebracht hätten. Welche sind Ihrer Auffassung nach die ähnlichen Phänomene? Welche Bereiche sind betroffen? Was wiederholt sich? Und wo liegen die entscheidenden Unterschiede, die einen Rückgriff auf Erfahrung so schwer machen?

Martin Mosebach: Die Übereinstimmungen der vergangenen mit den gegenwärtigen Phänomenen ist evident. Große Teile der gegenwärtigen Kirche sind arianisch, ikonoklastisch, protestantisierend, antisakramental, säkularisiert. Aber im Unterschied zur Vergangenheit fehlt das gläubige Volk, das immer wieder die Rückkehr zur Tradition erzwungen hat. Das ist für Westeuropa jedenfalls aber sehr gut erklärlich. Nach 50 Jahren Fehlen eines rechtgläubigen Religionsunterrichts ist die katholische Religion gerade auch unter ihren verbliebenen Anhängern unbekannt geworden. Viele der vergangenen theologischen Katastrophen haben die „kleinen Leute“, die eigentliche Herde Christi nie erreicht. Sie fuhren fort, katholisch zu sein, gleichgültig welchen Häresien die Führungsschichten anhingen.

Heute hat sich die Kirche mit den übermächtigen ökonomischen und politischen Kräften, die antireligiös sind, auf das innigste amalgamiert. Sie setzt darauf, den demagogischen Forderungen von Mächten zu genügen, die mit Kirche überhaupt nichts im Sinne haben, aber ohne Zweifel eine Mehrheit gewonnen haben. Es ist ja wahr: die Tradition der Kirche ist wirklich „unzeitgemäß“, so unzeitgemäß wie sie es zur Zeit des Apostels Paulus war. Dieser Gedanke löst in ihren heutigen Repräsentanten Panik aus, anstatt als große Aufgabe verstanden zu werden. Sich den totalitären Tendenzen der Zeit entschlossen zu verweigern, könnte sogar eine politische Chance enthalten. Aber gegenwärtig ist das noch gar nicht verstanden.

Una-Voce–Korrespondenz: Ist es – wieder einmal – ein ,deutsches Phänomen’? Oder wird es in Deutschland durch die ,Institutionalisierung’ im synodalen Weg nur besonders sichtbar?

Martin Mosebach: Deutschland ist das Land der Reformation, der Glaubensspaltung, der Säkularisation, der atheistischen Philosophie, der atheistischen totalitären Systeme von Kommunismus und Nationalsozialismus. Aus Deutschland ist in den letzten fünfhundert Jahren nicht viel Gutes gekommen. Im zwanzigsten Jahrhundert hat sich die katholische Kirche hier ganz der neuprotestantischen nachlutheranischen Theologie unterworfen – dazu ist unser unglückliches Land auch noch reich und kann seinen schlechten Einfluß überall hin verbreiten, indem es die ärmeren Länder kauft. Aber dies alles darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der gegenwärtige Niedergang der katholischen Kirche in allen Ländern des Westens festzustellen ist. An manchen Orten noch nicht so heftig wie in Deutschland, aber eine Ausdünnung und ein Ausbluten zeichnen sich doch auch in einst urkatholischen Ländern wie Irland und Italien ab, um nicht von Frankreich, der „ältesten Tochter der Kirche“ zu reden.

Una-Voce–Korrespondenz: Vermutlich die Mehrheit der praktizierenden und auch frommen Katholiken – inklusive der Priester – kennen die Alte Messe nicht. Gleichwohl werden einige erkennen, daß es im überlieferten Ritus keinen Platz gibt für all die liturgischen Greueltaten und im Kreis der traditionsverbundenen Katholiken keinen Raum für eine in alle Richtungen offene Gesellschaft. Kann man die Hoffnung haben, daß es eine Welle von „synodalen Flüchtlingen“ geben wird? Die Rettung auf den Fels, der den Stürmen standhält? Überleben in der Tradition? Und welche Bedeutung hat es dann, daß in diese Zeit der ,synodalen Verirrung’ der Heilige Vater ein Motu proprio erläßt, das den Zugang zur Alten Messe massiv torpediert?

Martin Mosebach: Die Anhänger der überlieferten Liturgie müssen es sich eingestehen: ja, es gab eine Volksbewegung gegen die neue Liturgie, aber sie wurde nicht zu einer Bewegung für die alte – sie führte vielmehr zu einem gänzlichen Auszug aus der Kirche. Die Weisheit, die der katholischen Kirche gern zugeschrieben wird, hatte sie im 20. Jahrhundert gänzlich verlassen. Sie wagte eine „Meßreform“, die in Wahrheit eine Revolution von oben war – nicht bedenkend, daß eine Revolution, auch wenn unter Einsatz der Autorität durchgesetzt, im Zeitalter der Massendemokratien sehr schnell unbeherrschbar werden mußte. Wir müssen das traurige Faktum akzeptieren, daß ein Großteil der dennoch in der Kirche gebliebenen Gläubigen inzwischen umerzogen ist. Goethe macht auf das anthropologische Faktum Aufmerksam, daß Ehrfurcht keine natürliche Eigenschaft des Menschen ist, sondern daß er sie sich erwerben muß. In der Formlosigkeit der modernen Gesellschaft ist die alte Liturgie tatsächlich ein Fremdkörper. Sie zieht jetzt diejenigen an, die eine innere Widerstandsbereitschaft besitzen – und das kann immer nur eine kleine Elite sein – eine Elite nicht im Sinn akademischer Würden oder ökonomischer Macht wohlgemerkt, sondern an seelischer Kraft und Selbstständigkeit – die ist in allen Etagen der Gesellschaft zu finden.

Die Glaubenskatastrophe hat ein Paradoxon hervorgebracht. Die alte Liturgie lebt aus einer Verehrung für Hierarchie und Ordnung, aber ihre Verteidiger haben ein anarchisches Temperament. Sie mißtrauen jeder Institution und Autorität, die nicht willens ist, sich der Überlieferung zu unterwerfen, und das trifft auf die meisten Repräsentanten von Kirche und Staat zu. Der regierende Pontifex, dessen eingestandenes Ziel es ist, die nach 50 Jahren nachkonziliarer Entwicklung immer noch vorhandenen Reste von Tradition der Kirche auszumerzen, hat richtig erkannt, daß sein Werk unvollendet bleiben wird, solange es gelingt, den alten Ritus an die kommenden Generationen weiterzugeben. Die alte Liturgie enthält alles, was ein Katholik braucht, um katholisch zu sein – sie ist sogar imstande, einen Papst, der seine Aufgaben nicht erkennt, eine Weile zu ersetzen. Das hat er genau verstanden, und diese Vorstellung ist für ihn unerträglich.

Una-Voce–Korrespondenz: Noch einmal zur Unkenntnis: Birgt die Tatsache, daß eine große Zahl der Katholiken die Messe aller Zeiten nicht kennt, denn nicht ein gewisses Empörungspotential? Insbesondere im Kreis der ansonsten gut informierten, frommen und vielleicht auch eher als konservativ geltenden Katholiken, im Kreis auch derer, die das intellektuelle Rüstzeug hätten, sich kundig zu machen über die Geschichte ihrer Mutter Kirche – dürfte man hier nicht eine gewisse Kenntnis der ,Familiengeschichte’ erwarten? Warum diese Bildungslücke?

Martin Mosebach: Sie sprechen etwas an, was auch für mich ein Rätsel ist. Ich kenne viele durchaus fromme Katholiken, die unter der heutigen Verkommenheit von Lehre und Liturgie wirklich leiden und mir die Ohren voll heulen über die neuesten Entgleisungen bei der letzten Kinderkommunion und dem Weihnachtshochamt – meine Frage ist dann immer: Aber warum gehen Sie denn dann noch dahin? Es gibt doch an vielen Orten die Alternativen – eine Pius- oder Petruskapelle oder sogar eine von Diözesanpriestern zelebrierte alte Messe – es ist doch eine Pflicht, das zu unterstützen. Und es geht mir dann immer wieder, wie es dem Herrn mit dem reichen Jüngling gegangen ist – ,er ging traurig weg.’ Es ist in den deutschen Konservativen eine seelische Schlaffheit, die es gerade noch schafft, daß man sich ärgert, aber nicht, daß man aus diesem Ärger eine Konsequenz zieht. Das Bekenntnis zur alten Messe ist ihnen etwas Unheimliches – da schert man doch zu weit aus dem mainstream aus; im Rotary Club, bei den Maltesern, im Kollegenkreis, in der Redaktion würde das mit Mißtrauen betrachtet – ist das vielleicht ein Radikaler? Und so wichtig ist die Religion eben doch nicht, daß man sich dafür exponierte…

Und welche Rolle kommt hierbei den traditionsverbundenen Katholiken zu? Abwarten und alle mit offenen Armen aufnehmen? Oder den verlorenen Schafen nachgehen? Wie könnte traditionelle Missionierung aussehen?

Martin Mosebach: Ich bin wie viele davon überzeugt, daß die deutsche offizielle Kirche vor dem Zusammenbruch steht. Sie ist hohl wie ein Termitenbau und wirkt in der Dummheit und Geschmacklosigkeit ihrer Repräsentanten nicht einmal auf modernistische liberale anziehend, jedenfalls soweit sie intelligent sind. Dann wird ein sehr kleines Häuflein übrig bleiben, und in dem dürften die rechtgläubigen traditionalistischen Katholiken an Gewicht gewinnen. Entscheidend scheint mir, daß die offizielle Kirche mit ihren Myriaden von Laienmitarbeitern endlich verschwindet.

Ein Traditionalist sollte vor dem Schisma der deutschen Kirche keine Angst haben, es vielmehr ersehnen, zumal es sich gar nicht um ein Schisma, sondern um die offene Apostasie der offiziellen Kirche handelt. Da gibt es keine Basis mehr für den gepriesenen „Dialog“. Im übrigen beschäftigt mich nicht der Gedanke, ob die Tradition eines Tages „siegreich“ sein könnte. Es muß uns genügen, daß sie der von Christus gestifteten Religion am nächsten kommt. Wer das erkannt hat, für den ist doch das, was sich in der Pseudosynode der deutschen Kirche heute bewegt, eine Lemurenversammlung. Ein amerikanischer Priester, mit dem ich oft über die gegenwärtige Lage gesprochen habe, hat das Gespräch jedes mal mit den Worten beendet: ,It is important to persevere.’ Mehr kann auch ich nicht sagen.

Die Fragen stellte Angela Kirsch

MARTIN MOSEBACH, geb.1951, nach dem Studium der Rechte wurde er freier Autor. Er schreibt vor allem Romane, zuletzt „Taube und Wildente“, DTV, München 2022. In Verbindung mit der Bewegung für die liturgische Tradition entstanden die Aufsatzsammlungen „Häresie der Formlosigkeit“ und „Der Ultramontane“, Rowohlt Verlag, 2007 erhielt er den Büchnerpreis. Er ist Mitglied der deutschen Akademie, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste.

8 Kommentare

  1. Tolles Interview mit Herrn Mosebach. Allerdings muss ich in einem Punkt widersprechen: als Konservativer wechsle ich nicht deswegen nicht zu den Traditionalisten und mit ihnen zur Alten Messe, weil ich etwa Angst davor hätte, mich vor meinen Mitmenschen dazu zu bekennen (Rotary-Club etc.), sondern einfach, weil mir die Einheit mit Rom, das ja die Neue Messe zelebriert, erstmal wichtiger ist. Und solange Papst Franziskus noch nicht gänzlich vom Glauben abgefallen ist, bleibe ich vorerst Rom treu. Das ist der Hauptgrund für mein Verbleiben bei der Neuen Messe, und es gibt zum Glück noch genügend Priester, die auch die Neue Messe würdig feiern.

    • Die alte Messe und die Treue zu Rom schließen sich doch nicht aus, im Gegenteil: Sie atmet den Glauben, in dem unsere Großeltern und deren Großeltern aufgewachsen sind und den sie weitergegeben haben.
      Besuchen Sie gerne mal eine Hl. Messe der Petrusbruderschaft, die sich im Gegensatz zu Pius in voller Gemeinschaft mit Rom befindet – römisch-katholischer wird es nicht 🙂

  2. Ich sehe auch für die Modernkirche, wie ich sie nenne, keine Rettung mehr. In meinen Tagebüchern entdecke ich immer wieder vertrocknete Tränen, wenn ich ausnahmweise moderne Gottesdienstinszenierungen mal besuchte. Ja, die traditionalen katholischen Bruderschaften sollten jetzt massiver in den Öffentlichkeithinein agieren, ihre frommen Anhänger aktiver werden. Eine Gefahr für die Kirche derTradition sehe ich darin, dass sie von Spaltern, die sich besonders orthodox grben, professionell unterwandert wird. Ich mache dabei schon jetzt meine Beobachtungen. Diese Leute sind vor den Frommen ganz schwer zu entlarven, schnell gelingt es diesen Untercoverleuten, einen selbst von Nahestehenden abzuspalten, zu isolieren.

  3. Also wir sind EINE Kirche egal ob Alte Form oder Neue. UND immer ist es SEINE Kirche.
    Dazu kommt, dass ALLE Sünder sind, egal ob neue Messe oder alte.
    ALLE müssen wir in Demut wachsen, ALLES in Liebe ertragen sei es Elitäre Stömungen , sei es Sonntgaschristen. Wer sollte wenn verurteilen ?
    ABER wir sind natürlich auch alle die Streitende Kirche und es ist immer gut, den Finger auch auf die Wunde zu legen. Die Wunde, die längst IN die Kirche eingezogen ist.
    ABER wir werden die Differenzen ein Leben lang aushalten müssen. Glauben heißt die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten.

  4. DANKE für das Einstellen dieses Artikels.
    Entspricht meinem Gefühl, wobei ich sicher vorsichtig sein muss, da keine beschlagene erprobte Katholikin. Die Bruder gemeindlichen Erahrung aber bestätigt das, wenn man dann erkennt, was Herr Mosebach sagt:

    „… ob die Tradition eines Tages „siegreich“ sein könnte. Es muß uns genügen, daß sie der von Christus gestifteten Religion am nächsten kommt. …. “

    Mir aus dem Herzen gesprochen!

    Und leider gibt es in meiner Heimatstadt weder Pius- noch Petrusbruederschaft, und ohne Auto resp. Führerschein.

    Also:geistige Kommunion und Liveübertragung, Sitzen vor dem Tsbernakel, und in Stille anbeten, da aber bin ich auch noch ganz am Anfang, und die Kirche, in die ich gehen kann, die noch wie eine echte Kirche aussieht und kein modernistisches kubistisches Etwas ist, angeblich reduziert auf das Wesentliche, das Tabernakel in einer Kirche von einigen sieht grauenhaft aus, hat nicht immer geöffnet.

    Und nicht Herrn Mosebachs Buch vergessen Die 21. Die Reise ins Land der koptischen Märtyrer.
    Da wird einem deutlich, wie ganz gewöhnliche Glaeubige, die viel unbequemer leben als wir und viel einfacher für ihren Glauben einstehen.
    Gaebe es bei uns Märtyrer, die ihr Leben für IHN geben würden?

    Und was er in Bezug auf den Papst sagt…. erhellend, der Nebel lichtet sich. Aber auch PF muss sich dereinst vor IHM verantworten.

  5. Sehr plausibel! Es soll sich niemand täuschen! Die Krise ist nicht wie eine der vielen in der langen Geschichte der Kirche. Diesmal ist es sehr ernst Wir stehen an einer Wasserscheide zum postchristlichen Zeitalter Auch die antiken Götter hatten sich letzlich überlebt und wurden letztlich nicht verehrt.Das christliche Zeitaltar neigt sich dem Ende zu. Es hat seine Ziele erreicht Die Idee der Humanität und der Menschenrechte in die postindustrielle und digitale Gesellschaft eingetragen. Nun sitzen wir als Rest um die Feuerstelle in der das Feuer erloschen ist und wie als Kinder für die gerade die Seifenblase der weihnachtlichen Magie geplatzt ist. Jetzt heißt es in der Der Dunkelheit sein leben weiterfristen und vom lichterglanz zu träumen

    • Das ist ein schöner, ein wahrer Text. Ich, Protestantin, neige dieser Sichtweise zu. Sie umfasst ja auch meine Kirche, diese jammervolle Schwundstufe dessen, was einmal christlich war. Was Sie mit Lichterglanz meinen, weiß ich nicht, möchte aber gern mit im Kreis um die erloschene Feuerstelle sitzen und bin beinah sicher, dass noch ein Funke darin glüht.

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