Donnerstag, 26. Januar 2023

„Dann hörten wir von Erzbischof Lefebvre“: Eine Zeitzeugin berichtet über die Rettung der Alten Messe nach dem Konzil

Anmerkung von cathwalk.de: Der folgende Artikel ist der Zeitzeugenbericht einer Dame* aus Baden-Württemberg, die den Bruch in der katholischen Kirche seit den 60er-Jahren selbst miterlebt hat. Für cathwalk.de schildert sie exklusiv, was sie erlebt hat:


In den 60er-Jahren wurde in Oberschwaben (Baden-Württemberg) eine neue Kirche gebaut. Die Kirche war typisch für diese Zeit: Beton, modern, gerade, grau, kahl …

Wir wurden in dieser Kirche getauft und gingen zur Erstkommunion. Was ich selbst noch weiß: Unsere ganze Familie ging dort regelmäßig jeden Sonntag zur Kirche. Damals gab es zwei Priester. Der eine jüngere Pfarrer las die Neue Messe. Der alte Pfarrer wollte die Neue Messe nicht lesen. Es war ein hin und her, ein seltsamer Zustand. Der Kompromiss war dann, dass er die Messe, die er ja sein Leben lang gefeiert hat, am Nebenaltar zelebrierte. Er behielt die Frühmessen unter der Woche und der andere Pfarrer die 10-Uhr-Messe am Sonntag.

Meine Mutter ging morgens, wenn wir zum Schulbus gingen, regelmäßig dort in die Frühmesse. Mein Vater war im Gemeinderat. Wir waren auch aktiv. Ich war im Kirchenchor, meine Brüder waren Ministranten. Meine Eltern gaben dann auch Firmunterricht, weil sie gefragt wurden.

Weil die Lehren damals wirklich irrig und modern waren, wollten sie wenigstens uns und einigen anderen Jugendlichen den katholischen Glauben lehren und uns auf dieses Sakrament vorbereiten. Wir musizierten sogar bei den Gemeindefesten. Dort kam es dann zu immer mehr Vorfällen, die dem katholischen Glauben widersprachen. Die Auswirkungen des Modernismus und die Änderungen wurden immer schlimmer.

Theaterstücke wie „Ave Eva“ und Liturgiemissbräuche waren gang und gäbe. Immer war es mein Vater, der darauf aufmerksam machte, dass solche Dinge nicht geduldet werden durften. Irgendwann waren die Vorkommnisse zu viel und mein Vater trat aus dem Gemeinderat aus.

Der alte Priester, der 104 Jahre alt wurde, feierte die Heilige Messe nur noch zu Hause. So gingen wir auf die Suche nach einer ehrfurchtsvollen Feier der Heiligen Messe und klapperten die ganze Gegend ab. Doch leider fanden wir überall die gleichen Zustände vor.

Dann hörten wir von Erzbischof Lefebvre. Er war damals der Einzige, der beim Zweiten Vatikanischen Konzil dabei war und die Liturgiereform nicht mitmachte. Er warnte und widersetzte sich. Es fand in Friedrichshafen am Bodensee am 24. Oktober 1976 eine Großkundgebung statt. Da war ich 12 Jahre alt. Ich kann mich gut erinnern, dass in allen Kirchen unserer Diözese Rottenburg ein Hirtenbrief vorgelesen wurde. Der Bischof warnte darin die Gläubigen, nicht dorthin zu gehen und nicht an diesem „beschämenden Schauspiel“ teilzunehmen.

Damals war ich mit unseren Nachbarn in der Stadtkirche und mir war es so arg peinlich, da ich ja wusste, dass unsere Familie dort hingehen würde. Auf dem Messegelände in Friedrichshafen war ein riesiges Zelt aufgebaut. Es waren tausende Menschen da, viele aus der Schweiz. Die genaue Anzahl weiß ich nicht mehr und habe dazu leider nirgendwo etwas gefunden. Vor den Eingängen protestierten einige, die uns „aufklärten“ wollten. Sie hielten Plakate hoch wie: „Weniger Weihrauch, mehr Klarheit.“ Durch Lefebvre fanden unsere Eltern wieder ihre vermisste überlieferte Liturgie.

Die Priester, die bei den Neuerungen nicht mitmachen, wurden aus den Kirchen vertrieben und standen auf der Straße, mittellos und ausgeschlossen. Es waren dramatische Zeiten. Die Heilige Messe musste in Hotels, Fabriken, und alten Gebäuden gefeiert werden.

Der ehemalige Pfarrer von Reute, der meinem Vater alles beigebracht hatte und früher ein guter Priester war, machte den Wechsel zum Neuen Messritus mit. Als er mitbekam, dass mein Vater (sein ehemaliger Ministrant) da nicht mitmachte, sondern sich an die alte Liturgie hielt, kam es in Briefen zu heftigen Diskussionen. Er nannte die Priester und die Gläubigen der Tradition „Garagensekte“. Das traf meinen Vater sehr. Er konnte das nicht überwinden.

In der Nähe von Bregenz war ein Frauenkloster. Der mit der Seelsorge beauftragte Priester feierte dort trotz Aufforderung weiter die Heilige Messe im alten Ritus. Eine Zeitlang fuhren wir sonntags auch dort hin und trafen uns mit unseren Verwandten. Später fanden wir noch zu einem Priester in Haslach (bei Bad Wurzach). Er wurde von der Diözese geduldet, weil er ein Freund des damaligen Bischofs war. Es muss Bischof Georg Moser gewesen sein. Als ein neuer Pfarrer kam, war die ganze Gemeinde von heute auf morgen modern. Kaum zu glauben!

In Ulm war auch jedes Jahr eine große Fronleichnamsprozession. Es war immer etwas ganz Besonderes. In den Zeiten, als die Alte Messe verboten war (man kann sie ja nicht verbieten! … Aber es wurde so gehandhabt), gab es auch nirgendwo mehr die traditionelle Fronleichnamsverehrung und öffentliche Prozessionen. Die Menschen kamen aus der ganzen Umgebung zur Alten Messe in Ulm. Es was immer sehr feierlich.

Ein Messzentrum in den Anfangszeiten (nach der Kundgebung von Erzbischof Lefebvre) war in Neu-Ulm in einem Backsteingebäude in einer alten Fabrik im oberen Stock. Die Priester, die in den Gemeinden nicht mehr geduldet wurden, mussten ja irgendwie überleben. Der Priester baute dort eine katholische Gemeinde auf. Es war für uns 1 Stunde Autofahrt. Jeden zweiten Samstag war katholischer Katechismusunterricht. Es war ziemlich anstrengend, aber auch schön. Wir verbanden die Heilige Messe dann mit einem Ausflug, gingen danach an die Donau, bekamen Eis oder besuchten einen Biergarten. Das gefiel uns gut. Wir lernten auch andere Jugendliche kennen, was für uns wichtig war.

1980 wurden mein jüngerer Bruder und ich von Erzbischof Lefevre gefirmt (in Neu-Ulm in der Fabrik). Es war wie in den Katakomben. Ich erhielt einen ziemlich starken Backenstreich vom Bischof.

Wir Kinder besuchten das katholische Bildungszentrum St. Konrad. Ich war dort von der 1. Klasse bis zur 10. Klasse. Gottesdienste halten und dabei sein war Pflicht. Für die Schüler der gesamten Schule fanden die Gottesdienste in der Aula statt … Sie können sich gut vorstelen, wie der Ablauf war. Ein Erlebnis möchte ich erzählen. Ich war in der 8. Klasse. Gottesdienste für die einzelnen Klassen wurden in einem kleinen Meditationsraum abgehalten, der dunkel und ohne Fenster war. Wir wurden vom Religionslehrer und vom zuständigen Priester aufgefordert, einen kleinen Teppich oder ein Kissen mitzubringen. Wir saßen auf dem Boden. Der Kelch und die Patene mit den Hostien waren auch auf dem Boden. Der Priester sprach dann die Wandlungsworte und verteilte das „Brot“ in unsere Hand. Ich war das nicht gewohnt. Es war ein Schock. Wir sangen dann noch: „Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer“. Der Priester baute die Gemeinschaft Emmanuel mit auf, verliebte sich in eine Frau und hat geheiratet.

Zu dieser Zeit wurde die Gemeinde etwas kleiner, da in den Städten und Orten neue Messsenten der Tradition entstanden. Es war sehr traurig, aber auch prägend mitzuerleben, wie der Modernismus mit seinen Auswüchsen, mit Tanz und Theater in den Kirchen Einzug hielt, während gleichzeitig die überlieferte katholische Liturgie geächtet und verboten wurde. Das Verbot, die Alte Messe zu feiern, kam von ganz oben, vom Papst selbst. Viele Bischöfe setzten das rigoros um. Es gab nur wenige Ausnahmen. Bischöfe haben die Tradition bekämpft und liturgische Missbräuche geduldet. So haben sie zur Zerstörung der Kirche beigetragen. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen, denn spätestens seit „Traditionis custodes“ machen viele Bischöfe wieder genau das Gleiche! Beten wir für die wenigen mutigen Hirten, die, wie damals Lefebvre, Angriffen und Verleumdungen ausgesetzt sind, weil sie die Wahrheit sagen und treu sind.

Ich bin so dankbar und froh, dass meine Eltern uns dieses Gut, diesen kostbaren Schatz zu schätzen und zu verteidigen gelehrt haben: die Alte Messe. 

*Zum Schutz der persönlichen Daten wurde der Name anonymisiert.

2 Kommentare

  1. Heute sucht man die alte Messe in Ulm vergebens. Bunter als in Ulm kann es schiergar nirgendwo sein, plus ökumenischer.
    Nur die Eucharistie scheint noch verschont … aber in Ulm werden auch die Freikirchen modern, mit Pastorinnen, und modernster Musik…in so manchen Gemeinden wird sich zerstritten.
    Ich kenne nur 2, die noch konservativ sind: eine evangelisch-lutherische russlandsdeutsche Gemeinde, und eine Baptistengemeinde
    Die russisch-orthodoxe Kirche kenne ich nicht, und die ukrainische in Neu-Ulm auch nicht.

    Und ja, danke für das Zeugnis.

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