Montag, 17. Juni 2024

Tolkien als Vordenker der katholischen Tradition

„Die moderne Welt ist nicht böse; in mancher Hinsicht ist die moderne Welt viel zu gut. Sie ist voll von wilden und verschwendeten Tugenden. Wenn ein religiöses System zerbrochen wird (wie das Christentum in der Reformation), werden nicht nur die Laster freigesetzt. Die Laster werden in der Tat losgelassen, und sie wandern umher und richten Schaden an. Aber auch die Tugenden werden losgelassen; und die Tugenden wandern wilder, und die Tugenden richten mehr schrecklichen Schaden an. Die moderne Welt ist voll von den alten christlichen Tugenden, die verrückt geworden sind. Die Tugenden sind verrückt geworden, weil sie voneinander isoliert worden sind und allein umherwandern. So kümmern sich einige Wissenschaftler um die Wahrheit, und ihre Wahrheit ist erbarmungslos. So kümmern sich einige Menschenfreunde nur um Mitleid; und ihr Mitleid ist (leider) oft unwahr“, schreibt G.K. Chesterton in „Orthodoxie“.

Chesterton behauptet, dass die moderne Welt eine zerbrochene, gebrochene Welt ist, in der auf der einen Seite die erbarmungslose Wahrheit der Wissenschaft stehe und auf der anderen Seite ein falsches Verständnis von Mitleid. Tolkien beschreibt auf seine Weise auch die Gebrochenheit der Moderne und versucht sie zu heilen. Er entwickelte in seinen literarischen Werken eine Philosophie, die sich aus der katholischen Tradition speist. In einem BBC-Interview outete er sich als „devout Catholic“. Sein Hauptwerk „Der Herr der Ringe“ sei katholisch. Das schrieb Tolkien selbst in einem Brief an den Jesuiten Robert Murray im Jahre 1953 (Letter 142): „Der Herr der Ringe ist natürlich ein durch und durch religiöses und katholisches Werk; anfangs unbewusst, aber bei der Überarbeitung bewusst.“

Was ist an „Der Herr der Ringe“ katholisch? Zuerst die Anthropologie. Die Menschen in der Trilogie erscheinen nicht als „völlig verdorben“ wie es die protestantische Theologie lehrt. Auch nicht als „edle Wilde“, die nur durch Entfremdung „böse“ Züge hätten, wie es Humanismus, Kommunismus und Liberalismus lehren. Sie erscheinen, wie in der katholischen Theologie, als gefallene Geschöpfe, deren Natur „zum Bösen geneigt“ ist. Als Geschöpfe, die sich gerne stärker geben als sie sind. Was letztlich Rettung bringt, ist die Güte, die sie zeigen und die am Ende für sie einsteht, wenn sie selbst zu schwach sind.

Deutlich wird Tolkiens katholische Anthropologie in seinem Brief an Michael Tolkien aus dem Jahre 1956 (Letter 181): „Aber an diesem Punkt wird die ‚Rettung‘ der Welt und Frodos eigene ‚Rettung‘ durch sein vorheriges Mitleid und seine Vergebung der Verletzung erreicht. Jeder vernünftige Mensch hätte Frodo zu jedem Zeitpunkt gesagt, dass Gollum ihn mit Sicherheit (nicht ganz sicher – die Unbeholfenheit in der Treue Sams war es, die Gollum schließlich an den Rand des Abgrunds trieb, als er im Begriff war, Buße zu tun) verraten würde und ihn am Ende ausrauben könnte. Ihn zu ‚bemitleiden‘, es zu unterlassen, ihn zu töten, war ein Stück Torheit oder ein mystischer Glaube an den ultimativen Wert von Mitleid und Großzügigkeit an sich, auch wenn er in der Welt der Zeit verhängnisvoll ist. Er beraubte und verletzte ihn am Ende – aber durch eine ‚Gnade‘ war dieser letzte Verrat genau zu einem Zeitpunkt, als die letzte böse Tat das Günstigste war, was jemand für Frodo hätte tun können! Durch eine Situation, die durch seine ‚Vergebung‘ geschaffen wurde, wurde er selbst gerettet und von seiner Last befreit. Ihm wurde zu Recht die höchste Ehre zuteil – denn es ist klar, dass er und Sam den genauen Ablauf der Ereignisse nie verheimlicht haben.“

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Natur und Fortschritt

Das Naturbild in „Der Herr der Ringe“ und Tolkiens Blick auf Fortschritt und Verbesserung ist von der traditionellen katholischen Lehre beeinflusst. Der Sündenfall ist da. Nicht nur die Menschen sind dem Tode verfallen und streben rücksichtslos nach Macht, auch die Natur, die Bäume und Bäche, die gesamte Schöpfung ist gefallen. Deutlich wird das vor allem in den Büchern. Dort werden die Hobbits beinahe von Bäumen verschlungen und getötet. Tolkien vermittelt keine heidnische Naturromantik, aber lehnt entsprechend seines katholischen Weltbildes auch eine Ideologie der Zerstörung ab.

Es geht um die Wiederherstellung der gefallenen Schöpfung. Es geht darum, dass der Mensch durch die richtige Ordnung von Natur und Gnade geheilt wird. Das passt du den scholastischen Naturrechtsgrundlagen. Diese definieren das richtige Leben als ein Leben gemäß der Natur und Vernunft. Zwei bekannte Formeln lauten: secundum naturam vivere (gemäß der Natur leben) und secundum rationem (gemäß der Vernunft). Aus diesen Vorstellungen leitet Tolkien eine Ordnung der Schöpfung ab.

Tolkien glaubte nicht an einen menschlichen Fortschritt durch Technik und Maschinen. Er sah den Ring, wie sein Sohn Christopher in einem Interview deutlich machte, als die oberste Maschine. Denn Magie sei dem Wesen der Maschine ähnlich. Magie sei Zwang („coercion”), Zwang auf die Welt, der Versuch durch Maschinen die Welt zu verändern. Vor allem sei es sehr gefährlich, Zwang auszuüben, um ein „gutes Ende“ zu erreichen.

Tolkien ging davon aus, dass der Mensch mit Werkzeugen und nicht mit Maschinen die gefallene Welt wieder ordnen solle. Vor allem deshalb, weil die wirklichen Probleme mit Maschinen nicht gelöst würden. So schrieb er: „Die Tragödie und Verzweiflung aller Maschinen liegt offen zutage. Anders als die Kunst, die sich damit begnügt, eine neue sekundäre Welt im Geist zu schaffen, versuchen sie, das Verlangen zu verwirklichen und so Macht in dieser Welt zu schaffen; und das kann nicht wirklich zu echter Befriedigung führen. Arbeitssparende Maschinen schaffen nur endlose und schlechtere Arbeit. Und zu dieser grundsätzlichen Unfähigkeit eines Geschöpfes kommt noch der Sündenfall hinzu, der unsere Maschinen nicht nur am Begehren scheitern, sondern zu neuem und schrecklichem Bösem werden lässt.“

Tolkien über das Fernsehen

Eine Art „Fernseher“, sogar im wörtlichen Sinne, gibt es auch in „Der Herr der Ringe“, die „Palantiri“. Das Wort Palantir ist „Quenya“, eine Sprache, die Tolkien erfunden ist. Es setzt sich zusammen aus den Worten aus den Worten „palan“ – fern, weit und „tir“ – sehen, beobachten. Ein Palantir ist eine von mehreren unzerstörbaren Kristallkugeln. Sie werden zur Kommunikation und zum Sehen von Ereignissen in anderen Teilen von Mittelerde verwendet. An sich sind Palantiri nicht böse, aber gefährlich, weil man nur Ausschnitte, immer nur einen Teil der Wahrheit sieht und sie Gedanken miteinander verbinden. Es ist zudem unklar, wer alles im Besitz von Palatiren ist und Einfluss auf sie ausübt. Tolkien lässt Gandalf über Palantiri sagen: „Gefährlich, wohl, aber nicht für jeden … Aber es gibt nichts, dass Sauron nicht missbrauchen kann. Saruman hat es zu spüren bekommen. Der Palantir zog ihn ins Unglück, wie mir jetzt klar wird. Gefährlich für uns alle sind die Erfindungen einer Kunst, deren wir selbst nicht mächtig sind.“ Eine bessere Kritik am heutigen Fernsehen wird man kaum finden können.

In „Der Herr der Ringe“ und Tolkien Briefen findet man eine Weltanschauung, die den Sündenfall ernst nimmt und damit zur Opposition zum heute herrschenden Liberalismus steht. Denn nicht Fortschritt und Entwicklung, sondern die Heilung der Gebrochenheit ist das höchste Ziel nach Tolkien. In religiösen Worten: die Vergebung der Sünden und die (Wieder-)Herstellung der Gnade. Wie rettet man nach Tolkien die Welt? Durch einen priesterlichen Akt, das heißt, durch ein Opfer. Das ist Frodo. Er muss zu Sams Entsetzen das Auenland verlassen: „‚Aber‘, sagte Sam, und Tränen traten ihm in die Augen ‚ich dachte, auch du würdest noch Jahr um Jahr am Auenland deine Freude haben, nach alldem, was du getan hast‘ – ‚Das dachte ich auch einmal. Aber ich bin allzu tief verwundet, Sam. Ich habe das Auenland zu retten versucht, und es ist gerettet worden, doch nicht für mich. So geht es oft zu, Sam, wenn etwas in Gefahr ist: Der eine muss es aufgeben, es verlieren, damit die anderen es behalten können.'“

Tolkien über das Konzil und die Neue Messe

Konsequenterweise lehnte Tolkien den Optimismus und Humanismus des Zweiten Vatikanischen Konzils ab. Er war auch kein Freund der Liturgiereform, sondern blieb der Alten Messe verbunden. In der Neuen Messe gab er aus Protest immer die Antworten der Alten Messe auf Lateinisch. Adam Tolkien, einer seiner Enkel, beschrieb das in einem Interview: „Ich erinnere mich lebhaft daran, dass ich ihm in Bournemouth in die Kirche gegangen war. Er war ein frommer Katholik, und es war kurz nachdem die Kirche die Liturgie von Latein auf Englisch geändert hatte: Mein Großvater stimmte dem offensichtlich nicht zu und machte alle Antworten sehr laut auf Latein, während der Rest der Gemeinde auf Englisch antwortete. Ich fand die ganze Erfahrung ziemlich quälend, aber mein Großvater ließ sich nicht beirren. Er musste einfach tun, was er für richtig hielt.“

Tolkien resümierte schon 1967: „Die ‚protestantische‘ Suche rückwärts nach ‚Einfachheit‘ und Direktheit – die natürlich gute oder zumindest verständliche Motive enthält, ist ein Fehler und tatsächlich vergeblich. Weil ‚primitives Christentum‘ jetzt und trotz aller ‚Forschung‘ weitgehend unbekannt bleibt; denn ‚Primitivität‘ ist keine Garantie für Wert und ist und war ein Spiegelbild von Ignoranz. Schwere Missbräuche waren von Anfang an ebenso wie heute ein Element im christlichen liturgischen Verhalten.“

Traditionelle Vorstellungen von Kirche und Gesellschaft ziehen sich durch die gesamten veröffentlichten Briefe Tolkiens. Tolkien war ein Freund der Natur und des konservativen Lebensstils. Im kirchlichen Bereich lobte er Papst Pius X., der vor allem durch seinen Kampf gegen modernistische theologische Ansätze bekannt ist und einen Eid gegen den Modernismus einführte: „Ich denke, die größte Reform unserer Zeit war die, die vom hl. Pius X. ausgeführt wurde. Sie überbietet alles, was das Zweite Vatikanische Konzil, mag es auch nötig sein, erreichen wird.“

Über den Wandel nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil schrieb Tolkien: „Die Kirche fühlte sich einst an wie ein Zufluchtsort („refuge“), jetzt fühlt sie sich oft an wie eine Falle („trap“). Wir können nirgendwo sonst hin […]. Wir können nichts tun als für die Kirche, den Stellvertreter Christi und uns zu beten.“

Tolkien sah in vielen Vorgängen der 60er-Jahre eine nahezu naive Schwärmerei und kritisierte einen vermeintlichen Rückgang der Kirche zu den Anfängen sowie eine zu starke Modernisierung. Stattdessen sprach Tolkien von der Kirche als einem lebenden Organismus und verglich sie mit einer Pflanze. Im „Aggiornamento“ sah er ernste Gefahren („grave dangers“), dies würde bereits die Geschichte zeigen. Ökumenismus begrüßte er auf der einen Seite, fand ihn aber auch verwirrend. Berücksichtigen muss man hier, dass Tolkien die Erfahrung von religiöser Ausgrenzung gemacht hat. Als seine Mutter katholisch wurde, wurde sie von der anglikanischen Verwandtschaft verstoßen. Tolkien hatte zeitlebens eine starke Abneigung gegen die „Church of England“.

In dem Brief an seinen Sohn Michael kommt auch die Frage auf, wie man mit Skandalen bei Laien und Priestern umzugehen habe. Dazu sagte Tolkien: „Die Versuchung zum ‚Unglauben‘ […] ist immer in uns. Ein Teil von uns sucht nach Entschuldigungen, die von außen kommen. Je größer die innere Versuchung, desto eher und heftiger sind wir bereit von anderen ‚skandalisiert zu sein.‘“

Tolkien sagt, er habe schrecklich gelitten unter „dummen, müden, stumpfen und schlechten Priestern“. Doch er hatte eine Gewissheit: „Ich kenne mich nun gut genug, um mir bewusst zu sein, dass ich nicht die Kirche verlassen soll“. Würde Tolkien die Kirche verlassen, hieße das für ihn die „heilige Kommunion“ zu verleugnen und den Herrn [Jesus Christus] einen Schwindler zu nennen. Er schrieb weiter, dass er an die Wahrheit der Evangelien glaube und daran, dass die Kommunion das einzige Heilmittel gegen das Nachlassen des Glaubens sei. Tolkien glaubte an die katholische Kirche: „Ich selbst bin überzeugt von den petrinischen Ansprüchen („Petrine claims“), auch wenn man sich überall auf der Welt umsieht, scheint es keinen großen Zweifel zu geben, welche (wenn das Christentum wahr ist) die wahre Kirche ist, der Tempel des Geistes, sterbend aber lebend, korrupt aber heilig, selbstreformierend und wiedererstehend.“ Die Hauptaufgabe der Kirche liege darin, diejenige zu sein, die die hl. Kommunion verteidigt.

Tolkien schrieb auch über die Gefahr des Zynismus und sagte, er neige weniger zum Zynismus, wenn er sich an seine eigenen Sünden und Torheiten erinnere (Nr. 250/1963). Seine Zeit jedoch sei geprägt von Hohn und Zynismus („sneer und cynicism“). Gleichzeitig gebe es aber eine „umgedrehte Heuchelei“, da Menschen sich schlechter darstellten als sie seien. In Christus sah Tolkien denjenigen, der letzte Hoffnung und Heilung geben kann: „Der Heiler (der Hailend wie der Erlöser üblicherweise auf Altenglisch genannt wurde) soll meine Fehler heilen und du sollst nie aufhören zu rufen: Benedictus qui venit in nomine Domini“ – Gelobt, der da kommt im Namen des Herrn.

Quelle der Zitate Tolkiens (übersetzt vom Autor):

  • Carpenter, Humphrey, Tolkien, Christopher (Hg.), The Letters of J.R.R. Tolkien, London 2006.

Siehe auch:

2 Kommentare

  1. Was für ein toller Artikel! Ich war ehrlicherweise erst Fan von Tolkiens Werk, bevor ich ein gläubiger Katholik wurde. Die Faszination der Tolkienschen Welt, die auch im Silmarillion erst die mächtigsten Krieger der Elben zunächst am Bösen scheitern lässt, bevor ein Opfer seitens von Earendil und Elwing dargebracht wird, hat mich gebannt. Dass diese Faszination auch einen Ableger in meinen Glauben hat, habe ich erst jetzt wirklich verstanden.

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