Montag, 4. März 2024

Das geheime Brot

Eine geistliche Betrachtung

Mitten im Krieg – entstanden etwa um 1942 – verfasste der baltisch-deutsche Schriftsteller Werner Bergengruen das Gedicht „Die himmlische Rechenkunst“ (erschienen in: Meines Vaters Haus. Gesammelte Gedichte, Arche Verlag, Zürich-Hamburg 1992, 84), zarte Poesie in einer düsteren Weltenzeit, die vom Wesentlichen erzählt, nämlich dass gläubige Katholiken aus der Eucharistie, aus der Danksagung, leben und sich nach dem Brot des Lebens, nach der Speise der Engel, verzehren:

„Was dem Herzen sich verwehrte,

laß es schwinden unbewegt.

Allenthalben das Entbehrte

wird dir mystisch zugelegt.“

Die erste Strophe scheint zunächst eine Form der antiken Gelassenheit zu lehren. Legt das lyrische Ich hier dem Leser eine Haltung nahe, die an eine souveräne, doch säkulare Indifferenz gegenüber allem Weltlichen, ob es uns zuteilwird oder nicht, empfiehlt? Doch mitnichten erfolgt ein stoischer Lobgesang auf eine heidnische Ungerührtheit und Reglosigkeit. Die wahren Helden sind auch nicht die Heiden, es sind die Christen, die gläubigen Katholiken, die sich nicht an Äußerlichkeiten klammern, nicht nach Erfolgen und Geltung trachten, sondern verborgen vor der Welt auch 1942 nicht den wüsten Ideologien der Barbarbei, ob Nationalsozialismus oder Kommunismus, folgen, sondern „unbewegt“ bleiben und auf das „Entbehrte“ ihre Hoffnung setzen, auf das, was ihnen „mystisch zugelegt“ wird. Die Mystik lehrt nicht Fantasien, sondern zeigt – so auch heute – das Wunderbare, dass der gläubige Katholik nicht vor den Herren und Mächten dieser Welt die Knie beugt, sondern einzig vor Gott, den er verehrt im Allerheiligsten Sakrament des Altares. Wir entbehren im Letzten nicht jene Dinge, die wir uns vielleicht zeitweilig wünschen, aber die wir aufs Ganze hin gar nicht brauchten. Das, was wir entbehren, wird uns mystisch zugelegt, auf einem vor der Welt verborgenen Weg, auf eine Art und Weise, die fernab aller Äußerlichkeiten steht. Wir betteln nicht um Macht, Ruhm, Anerkennung und Ämter. Aber wir sind, wie der heilige Augustinus lehrte, „Bettler vor Gott“.

„Liebt doch Gott die leeren Hände,

und der Mangel wird Gewinn.

Immerdar enthüllt das Ende

sich als strahlender Beginn.“

Von Gott ist die Rede, von niemand sonst. Und Gott liebt die „leeren Hände“, die sich ihm entgegenstrecken, selbst in hoffnungslosen Zeiten, in düsterer Einsamkeit, in Not und Elend. Gott liebt nicht die starken, erhobenen Fäuste, sondern die Herzensgüte jener, die sich ganz auf ihn hin ausrichten, die ihre Hoffnung nicht auf Menschen und Mächte setzen, sondern sich dem dreifaltigen Gott zuwenden, der die Welt so sehr geliebt hat. Wir müssen uns der „leeren Hände“ nicht schämen, wir müssen auch nicht Leistungen vorweisen. Wer die Hände ausstreckt, der möchte lieben, der liebt, und hofft nicht auf Lohn, sondern darauf, geliebt zu sein, selbst in Situationen, in denen weltlich alles nach Abgrund und Untergang aussieht. Gott ist immer größer. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht vor allen, die ihn fürchten, die auf ihn hoffen, die an ihn glauben – und er füllt die leeren Hände, die leeren Herzen.

„Jeder Schmerz entläßt dich reicher.

Preise die geweihte Not.

Und aus nie geleertem Speicher

Nährt dich das geheime Brot“

Wir halten inne vor diesem Satz und diesem Gedanken. Entlassen Schmerzen uns wirklich reicher? Werden wir mit Leiden, mit Gebrechen beschenkt? Ist es eine Gnade, leiden zu dürfen? Wer leidet, gewinnt Anteil an der Passionsgemeinschaft mit dem Herrn. Dieser Kreuzesdienst ist kein weltlicher Reichtum, sondern Schmerz, ganz und gar. Wer das Kreuz trägt, trägt das Kreuz, und wer dies tut im Schauen auf den Herrn, der wirklich vielleicht sogar die „geweihte Not“ nicht nur annehmen, sondern auch preisen können. Wir werden so gewürdigt, an der Passion des Herrn teilzuhaben. Weltlich gedacht: ein paradoxer, ein verstörender Gedanke. Diese Hoffnung auf Gott ist aber weder eine Theorie noch ein Gedankenspiel. Werner Bergengruen, der große katholische Poet und Erzähler, macht anschaulich, woraus gläubige Katholiken leben und wofür sie leben. Der „nie geleerte Speicher“ – wir denken an den Tabernakel, an den Leib Christi –, der bleibt und besteht, so viele auch um den Empfang der heiligen Kommunion betteln. Darum setzt Bergengruen bewusst keinen Punkt am Ende des letzten Verses, denn der Speicher leert sich nie. Aus diesem Speicher nährt sich der Gläubige, im Leben und im Sterben. Das „geheime Brot“, die Speise der Engel, wird von der Welt nicht erkannt, nicht wertgeschätzt und nicht verehrt – doch wer glaubt, mit Leib und Seele, dem ist nichts kostbarer, nichts wertvoller, denn er weiß: wir leben aus der Eucharistie und wissen uns genährt vom „geheimen Brot“ – wie Werner Bergengruen. Wer die Alte Messe feiert, weiß dankbar und in gläubiger Demut vor dem Herrn, dass das „Panis angelicus“ – hier gesungen in der Basilika St. Clemens in Hannover in einer heiligen Messe der Petrusbruderschaft – die Herzmitte des Glaubens ist.

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